Lebenslage

Yoyo-Änni.

Präambel:

Das hier ist meine höchstpersönliche Geschichte zum Thema Gewicht. Ich will niemanden bekehren und habe auch nicht das Gefühl, dass jeder Mensch einen BMI von 20-25 haben soll. Das Idealgewicht ist für jeden das Gewicht, mit dem er oder sie sich wohl und gesund fühlt.
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Wer mich seit längerer Zeit kennt, der weiss: In meinem Kleiderschrank befinden sich  Kleider von Grösse 34 bis 42.  Mein Körpergewicht hat, um es mal so zu sagen, eine gewisse bipolare Ausprägung. Das war nicht immer so: Bis 19 war ich eigentlich recht schlank – was ich als Teenie jedoch gar nicht so sah. Ich bin mit breiten Schultern und den Oberarmen eines Rugby-Spielers gesegnet, und meine kräftigen Gliedmassen zeugen insgesamt von einer langen bäuerlichen Ahnenreihe – ich war nie „ein schmaler Wurf“ oder gar dünn, aber rückblickend gesehen doch das, was man als schlank bezeichnet. Nach meiner ersten gesundheitlichen Krise mit 19 war das anders. Ich stand damals allerdings dermassen neben mir, dass ich nicht mal bemerkte, dass ich gut 15 Kilo zugelegt hatte – ich erinnere mich, wie ich mich beim Shoppen ernsthaft über die „komischen“ Kleidergrössen ärgerte („Hey, die spinnen doch, ich hab doch nicht Grösse 42, was ist das denn für ne komische Hose!“). Im folgenden Jahr arbeitete ich das erste Mal in meinem Leben 42 Stunden die Woche (bei einem Gehalt von 500 CHF, aber das nur am Rande). Ich nahm quasi von selber wieder ab. Mit 27 dann, im Rahmen einer weiteren Krise, nahm ich dann kontinuierlich wieder zu, bis ich auch in die 42 nicht mehr wirklich hineinpasste. Beim Treppensteigen keuchte ich wie nach einem Marathon. Ich litt oft an Rückenschmerzen, und ich mochte mich selber nicht mehr im Spiegel sehen. Als ich irgendwann meinen BMI berechnete, stellte ich erschrocken fest, dass ich definitiv als „übergewichtig“ galt.
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Ich liess mir eine Ernährungsberatung verschreiben. Die Ernährungsberaterin war normalgewichtig, nett und in meinem Alter. Sie liess mich Ernährungstagebuch führen und vermittelte mir einige Basics. Dazu gehörte „Tut mir leid, aber um Sport kommen Sie nicht herum!“. Einleuchtend, was?! Ich hasse Sport, ich habe Sport immer gehasst, und ohne Hirnwäsche wird sich das wohl auch nie wirklich ändern. Ich beschloss an diesem Punkt jedoch, dass mir meine Gesundheit wichtiger ist als meine Bewegungsunlust. Ich war noch nicht mal 30 und schnaufte bei jeder noch so kleinen Anstrengung wie eine alte Frau! Es war nicht einfach für mich, aber ich fing an zu joggen. Regelmässig. „Joggen ist zum Abnehmen nicht das Richtige! Und es belastet die Gelenke!“, hatte mir der Hausarzt gesagt. „Machen Sie unbedingt den Sport, der Ihnen auch nur annähernd Spass macht!“, sagte die Ernährungsberaterin. Joggen ist gratis, Joggen ist draussen an der frischen Luft, Joggen kann man mit anderen zusammen. Mein Schwesterchen coachte mich und ging jede Woche mit mir laufen. Mit der Zeit hatte ich sogar genug Puste, um mit ihr zu tratschen. Zusammen mit der Ernährungsumstellung hatte das erstaunliche Auswirkungen. Ich nahm in 4 Monaten etwa 18 Kilo ab, und ich wurde richtig fit. Ich nahm an mehreren Volksläufen teil, und irgendwann machte das Laufen fast Spass.
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Dann kam die unschöne Episode in Argentinien. Als ich wieder in der Schweiz war, wog ich noch knapp 52kg. Das sieht bei meiner Grösse so aus, dass man Angst hat, von den herausstehenden Rippen erstochen zu werden. Ich war ein wandelndes Skelett, ich hatte keine Oberschenkel, keine Hüfte  und quasi keine Brust mehr. In den folgenden Monaten habe ich praktisch rund um die Uhr gegessen. Als Belohnung, als Nachholbedürfnis, als Stressbewältigung, als irgendwas, manchmal mitten in der Nacht. Alle um mich herum waren froh: „Du musst zunehmen!“ Ja, das war in der Tat nötig. Allerdings nahm ich auch noch zu, als ich längst wieder normalgewichtig war. Kein Sport, ein völlig gestörtes Essverhalten (ja, das gibt es auch in die übermässige Richtung: 200g Schoki, 100g Käse, 2 Wienerli, ein halbes Glas Oliven und 1 Packung Chips in 15 Minuten als „Snack“ vor dem Fernseher) und wenig körperliche Arbeit führten irgendwann zwangsläufig zu einer emotionalen Szene vor dem Kleiderschrank, als mir klar wurde, dass ich noch in eine einzige Hose passe und die XL-Kleider aus dem Keller holen muss. Ja, das war diese Woche. Ich bin nicht ganz so übergewichtig, wie ich mal war, aber ich bin für meinen Geschmack zu dick. Ich bin morgens die, die beim kurzen, aber steilen Weg zum Arbeitsort weit hinter den Arbeitskolleginnen abfällt und oben angekommen noch lange vor lauter Schnaufen nicht sprechen kann.
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Ich habe vorsichtig wieder angefangen, zu joggen, und versuche, mein Essverhalten in den Griff zu kriegen. Ich koche gerne und ich backe gerne, und ich will mir die Lust am Essen bewahren. Aber ich möchte wieder bewusster geniessen und mich gesünder ernähren. Ich möchte wieder fit sein und mich in meiner Haut wohl fühlen.
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Auf die Gesundheit!

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4 Kommentare

  • Antworten
    seifenblasenbeats
    12. April 2013 bei 10:44

    Auf die Gesundheit! Und ich finde du hast eine gesunde Einstellung dazu. 🙂

    Ich bin auch dran, wobei bei mir nur das Essen diszipliniert werden muss, denn Sport mache ich reichlich. Ich bin auch nicht so richtig dick oder dünn, so dazwischen eben, BMI „leicht übergewichtig“.
    Also wieder zurück dahin wo ich mich wohl fühle!

    Ich wünsche dir viel Erfolg dabei und drücke die Daumen. 🙂

    PS: Was macht dein Rauchen? Ich dachte immer das mit dem Zunehmen nach dem Aufhören wäre eine fade Ausrede und nu steck ich selber drin…

  • Antworten
    aenni
    12. April 2013 bei 21:14

    Hey!
    Wie ich Leute bewundere, die viel Sport treiben – und auch noch Spass haben dran! Bei mit ist das wirklich einfach ein Mittel zum Zweck. Ich weiss, dass es mich fit macht, dass ich weniger Rücken- und Kopfschmerzen habe, wenn ich regelmässig jogge, und dass es eine positive Auswirkung auf meine Figur hat – ansonsten würd ich wohl kaum loslaufen. Das mit dem Rauchen bzw. Nichtrauchen kam erschwerend dazu – in den letzten paar Wochen bin ich allerdings ein paar Mal rückfällig geworden… Hoffen wir, dass das Ausnahmen bleiben!
    Liebe Grüsse
    Änni

  • Antworten
    lavendelkinder
    13. April 2013 bei 13:32

    Liebe Änni,
    fühle Dich nicht allein in Deinem Bodymassindex. Du hast dort eine Freundin.
    Nicht xxL aber auch nicht xxS. Irgendwas habe ich bestimmt mit dem Stoffwechsel. Vielleicht. Nein. Eher nicht. Ich finde nur Sport mindestens genauso blöd wie Du. Oder noch blöder. Und dann kann ich nicht mal joggen im Wald. Wegen ein bisschen bewegungseingeschränkt sein aus gesundheitlichen Ärgernissen. Aber ich glaube, ich würde es eh nicht tun. Du bist so tapfer, dass Du joggen gehst, ist eine wahre Heldenleistung.
    Aber 200 g Schoki essen ist auch eine Heldenleistung. Respekt.
    Ich schaue mir jetzt nochmal im Spiegel meine Rölleckens an und dann geh ich halt mit dem Hund spazieren. Danach Kekse.

    Liebe Grüße und Grützelis,
    Britta

    • Antworten
      aenni
      16. April 2013 bei 19:23

      Hey Britta
      Solange man sich wohlfühlt, ist eine olle Zahl, wie gross oder klein auch immer, eh bedeutungslos. Morgen gilt wieder ernst. Mittwoch ist Jogging-Tag. Seit ich das so völlig unflexibel festgelegt habe, ist die „Motivation“, wenn man dem denn wirklich so sagen will, meinen Allerwertesten zu bewegen, deutlich gestiegen. „Ritualisieren“, sagt man dem als Sozi in der Kinderbetreuung. Funktioniert nicht nur bei Kindern mit Behinderungen, sondern auch bei erwachsenen Sozis.
      Liebe Grüsse mit erdigen Fingern (Frühling! Pflanzzeit! Hurra!!),
      Änni

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