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Sozialisation

Biographie/ Sozialisation/ Wurzeln

Ännis Jahr 2000.

Ich fand ja den Rückblick von Frau Nessy ins Jahre 1998 so amüsant, dass ich sie bat, mir ebenfalls per Zufallsgenerator eine Jahreszahl zukommen zu lassen. Der Generator spuckte 2000 aus. Das Milleniumsjahr! Ich schwelge in Erinnerungen und lasse euch selbstverständlich daran teilhaben.

Das Jahr 2000

Alter: 17 Jahre

Wohnort: Irgendwo in den Tiefen der voralpinen Hügelketten des Emmentals, auf einem abgelegenen Bauernhof, den meine Eltern bewirtschafteten.

Aufenthaltsort: An den Wochenenden recht häufig am Ufer der Emme (ja, die fliesst durchs Emmental, wer hätte das gedacht!) an einem Feuer, gut versorgt mit meinen Freunden, einem tragbaren, batteriebetriebenen Kassettengerät, Sangria und würzigen Zigaretten. Während der Woche recht häufig rauchend und tratschend in einem Kaffee, eher selten in der Schulstube.

Beruf: Schülerin. Mit, wie angetönt, mässigem Einsatz. Legendär waren die Erklärungen in meinem Absenzenheft, wie es dazu kam, dass ich leider dem Unterricht fernbleiben musste: „Töffli (Moped) ging unterwegs kaputt. Reparatur vor Ort nicht möglich. Langer Fussmarsch mit kaputtem Töffli.“ „Wecker defekt, trotz vorabendlicher Überprüfung. Offenbar nachts akuter Abfall der Batterie-Leistung.“ „Unterwegs akuter Benzinnotstand. Weit und breit keine Tankstelle. Langer Fussmarsch mit benzinlosem Töffli.“

Gegen Ende des Jahres, mit Hinblick auf die baldige Matura und somit dem Ende der Schulzeit, schwand dann im Absenzenheft zunehmend die Originalität, und schliesslich stand da dann meistens als Erklärung für das Fernbleiben von 4 Lektionen nur noch: „Verschlafen.“

In einem Zustand von ziemlicher Selbstüberschätzung, ständiger Verpeiltheit und scheinbarem Leckt-mich-doch-Gehabe kam ich durchaus auch mal eine Stunde zu spät zu einem zweistündigen Französisch-Test oder zeichnete in einer Prüfung statt einer Karte von Indien einen Tannenbaum, und die verschiedenen Erdschichten im Geologietest beschriftete ich mit „Land der Süssigkeiten“ oder „das Ende des Regenbogens“.

All das „Leckt-mich-doch“ und „ich scheisse grosse Haufen auf die Schule“-Getue war jedoch nicht mal annähernd echt. Vielmehr war ich zwar nicht begabt in Mathe, konnte jedoch gut genug rechnen, um meinen Notenschnitt immer sehr genau zu kennen. Die Abschiffer, weil ich vergessen hatte, dass wir einen Test schreiben und auch die existente sehr bewusste Weigerung, für bestimmte Themen auch nur minimal Freizeit ins Lernen zu investieren, waren durchaus wohlkalkuliert, schliesslich wollte ich ja trotz allem Rebelliergehabe ein genügendes Zeugnis. Wurde es in einem Fach eng, büffelte ich halt für den nächsten Test, und einige Fächer wie Deutsch, Geschichte, Latein und Altgriechisch interessierten mich ja tatsächlich, und dort lernte ich durchaus auf Prüfungen hin.

Nebst der Schule arbeitete ich in diesem Jahr ein paar Stunden pro Woche als Korrektorin für ein Käse-Lokalblatt, später legte ich in einem staubigen Archiv Datenblätter nach 7stelligen Kundennummern ab.

Beziehung: Unglücklich verliebt. Herrje. Wobei dieser Status eigentlich auf alle meiner Teenager-Jahre passt, mit wechselnden Protagonisten.

Haare: Ui. Das ist ein Thema… Meine „Frisur“ bzw. die Länge wechselte recht oft in dieser Zeit. Auf der Maturreise in Berlin trug ich – ich hab extra recherchiert- knapp kinnlang, leuchtend rot, wild wuchernd, äh, ich meine, wild gelockt. Ich mied in diesem Alter spiessige Gebrauchsgegenstände wie Haarbürsten oder Kämme, meist „frisierte“ ich mich, indem ich mit nassen Haaren schlafen ging und am Morgen mit den Fingern ein paar Mal durch die Mähne fuhr.

Urlaub: Maturreise nach Berlin. Für mich als Bauernkind ohne grosse Auslandserfahrung eine grosse Sache. Aus Ausnüchterungsgründen konnte ich leider nicht an jedem kulturellen Ausflug teilnehmen, dennoch war ich begeistert von dieser riesigen Stadt. Wir gingen jeden Abend in ein Restaurant einer anderen Nationalität essen, ich ass zum ersten Mal im Leben indonesisch, türkisch und griechisch. Ich stöberte in einem riesigen Scondhand-Laden, wo ich meine bereits damals reichlich abgenutzte „Gorilla-Jacke“ kaufte, von der ich mich noch viele Jahre später, als sie quasi nur noch aus Löchern bestand, fast gar nicht trennen konnte. Wir gingen irgendwo in Kreuzberg in eine Bar, bei der wir (samt Klassenlehrer) an der unbeschrifteten Türe rüttelten, als ein Fenster aufging, wir von einem kahlen, tätowierten Typen mit dem Spruch „schon in der Bibel stand: Klopfe, dann wird dir geöffnet“ gemustert und schliesslich reingelassen wurden – ich glaube, er hat unseren Lehrer noch gefragt, ob wir alle 18 sind, der nuschelte irgendwas von ja genau, er sei für uns alle verantwortlich. In der Bar habe jch unendlich viel Wodka getrunken, der war saubillig da, das weiss ich noch. Ich ging mit meiner Freundin freiwillig in das grosse antike Museum, wir staunten ob all der Schätze, die wir sonst nur aus Büchern kannten. Wir wimmelten aufdringliche Typen ab, indem wir nur noch französisch sprachen.

Meine Güte, ist das alles lange her.

Bemerknis #1: Ich bereue es jetzt, mit 31, enorm, dass ich als Teenie für die meisten Schulfächer zu faul und zu verpeilt war, um irgendetwas zu lernen. Es gibt so vieles, was mich interessieren würde und ich nicht verstehe oder nicht weiss, wie es funktioniert, gerade im Bereich der damals so verhassten Naturwissenschaften.

Bemerknis #2: Ich bin so unglaublich sagenhaft übermässig enormerweise froh darüber, nicht mehr 17 zu sein.

Bemerknis #3: Das wunderbarste Relikt aus dieser Zeit ist die Freundschaft zu meiner besten Freundin, die auch 14 Jahre später noch der wichtigste Mensch ausserhalb meiner Familie für mich ist. Das klingt jetzt pathetisch, ist aber wahr: Eine solche Freundschaft ist unendlich viel wert.