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Winter-Änni – ein Märchen.

Weil es gerade so herrlich passt – kein warmes Wasser weit und breit, streikende Heizkörper, Weihnachten –  habe ich im Archiv gewühlt: Winter-Änni, ein Märchen.

Es war einmal im tiefsten Winter, mitten im dichtesten Wald. Heulend zog ein Schneesturm um eine kleine, schiefe Bretterhütte, die Fensterläden klapperten, die Hütte ächzte und irgendwo klirrte eine zersprungene Fensterscheibe. Flocken wirbelten umher, Eiszapfen zischten wie Samuraischwerter durch die Luft, die riesigen Tannen neben der Hütte bogen und wanden sich im Wind. Drinnen fegte ein eisiger Schauer durch die Behausung, die Wände glitzerten vor lauter Eissternen, Schnee drang durch die Ritzen und der Bretterboden war zum Eisfeld mutiert. In einer Ecke sass eine zusammengekauerte Gestalt,  eingehüllt in unzählige Kleiderschichten und Decken, mit einem Umfang wie ein Michelin-Männchen – und der Ausstrahlung eines munteren Schneemanns.

Änni hatte sich gerade mit gefrorenen Fingern und purem Optimismus ein kleines Feuerchen gemacht und briet versonnen Marshmallows an einem Spiess. „Die haben mich voll übers Ohr gehauen“, grübelte sie dabei, „‚mit dieser Thermowäsche werden Sie nie mehr frieren!‘ Pha. Von wegen! Auf nichts ist Verlass mehr in dieser Welt… Wenigstens haben wir endlich eine günstige Wohnung gefunden. Dass die jahrelang leerstand, kann ich ja echt nicht verstehen! Ein echtes Schnäppchen!…“

Da fuhr eine Böe durch den Raum und auch das wärmende Feuerchen erlosch. Dunkelheit machte sich breit. Das bis anhin munter brutzelnde Marshmallow gefror wieder – und selbst Änni war kurz betrübt.

Aber auch wirklich nur kurz. „Hmm“, dachte sich Änni, „Marshmallow-Eis! Hurra!“ Und durch das undichte Dach konnte sie in der Dunkelheit die Sterne sehen – theoretisch, wenn sich der Sturm mal legen würde. Irgendwie wars ja auch richtig gut, dass das Feuer nicht mehr brennen wollte: Was sie da wieder an Holzkosten sparen konnte, sagenhaft! Änni gluckste zufrieden vor sich hin. Ja, sie war schon recht abgefeimt, ihr machte so schnell niemand was vor.

Da schüttelte sie dieser bescheuerte Bronchialhusten wieder (alles vom Feinstaub! Diese elenden Autofahrer!), ihr Bewusstsein trübte sich, Sterne tanzten Walzer, und schliesslich driftete sie völlig weg. Sie träumte von Regenbogen, von Sonne, von einer roten magischen Bluse, von einer todschicken Häkelmütze und einem fröhlich rauchenden AKW – und wenn sie nicht gestorben ist – was, nun ja, wahrscheinlich ist -, dann träumt sie heute noch.

 
Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

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