Engagement/ Soziales

Wie viel man spenden soll: Die Gutmensch-Perspektive.

Es ist ja so: Ich bin ein echtes Klischee. Wenn ich nämlich nicht gerade grob fluche oder unerlaubterweise Totenkopf-Socken trage, gebe ich mir Mühe, ein guter Mensch zu sein. Wirklich. Ich möchte versuchen, so wenig Schaden auf dieser Erde anzurichten wie möglich, ich möchte sogar, dass sie besser wird. Ich möchte, dass alle Menschen die gleichen Chancen erhalten, ganz egal, wo sie herkommen, was sie für wirtschaftliche, gesundheitliche, soziale Möglichkeiten haben, ganz egal, wen oder was sie lieben, ganz egal an wen oder was sie glauben – oder auch nicht. Ich möchte, dass wir alle freundlich und anständig miteinander umgehen, dass wir miteinander Ziele erreichen, anstatt gegeneinander zu kämpfen. Ich möchte, dass jeder Mensch mit Respekt behandelt wird, ich möchte, dass wir zu unserem Planeten und allem Leben auf ihm Sorge tragen, denn immer noch haben wir keinen zweiten in Reichweite. Ja, ich bin das lebende Klischee eines Gutmenschen, und ich weigere mich nachdrücklich, das als Makel anzusehen.

Warum ich das hier so betonen muss? Nun. Mir ist da wieder einmal was in den falschen Hals geraten. In diesem Artikel wird von Kolumnist Peter Schneider unter dem Titel „Wie viel von seinem Geld soll man spenden?“ Stellung bezogen gegenüber den „effektiven Altruisten“, eine philosophisch betrachtet offenbar erbärmliche Gruppierung, die ihre gesamte Energie darin verbrät, trotz bedeutendem Wohlstand an allen Ecken und Kanten zu sparen, was das Zeug hält, um so viel von ihrem Wohlstand in irgendwelche altruistischen Banalitäten zu stecken wie nur irgendwie möglich – ein typischer Auswuchs einer intellektuell fragwürdigen Hypermoral, dieser effektive Altruismus, natürlich, denn ernsthaft, man kann doch Menschen nur belächeln, die denken, sie könnten die Welt verbessern, indem sie z.B. das kantonale rote Kreuz unterstützen, das sich um alte oder kranke Menschen in der Region kümmert, oder gar dem Umweltschutz oder den Ärzten ohne Grenzen finanziell unter die Arme greifen. Weltfremde Träumer!! Der Autor selber könnte so nicht leben, führt er aus, weil, trotz seinem enormen Einkommen (70’00 CHF Steuern pro Jahr deuten schon auf ein solches hin) reiche das Geld halt nicht für eine Brunnen in Somalia oder ein Kinderheim im Sudan.

Ich muss sagen, mein Puls schwoll ziemlich an, als ich das las. Ich versuche, die Gründe für meine Aufregung möglichst ehrlich zu benennen. Es sind, so denke ich, zwei verschiedene Motive, warum ich jemanden kräftig schütteln möchte, der sowas von sich gibt.

1) Ich fühle mich verarscht. Ich als bekennender Gutmensch fühle mich belächelt und mit einer süffisanten Arroganz überschüttet. Meine Bestrebungen, mein sehr viel geringeres Einkommen zusammen zu kratzen, um gemeinnützige Projekte zu unterstützen, sehen aus der Perspektive einer elitären Garde offenbar einfach nur lächerlich aus. Das ärgert mich, das beleidigt mich. Ich versuche, mit geringen Mitteln die Welt zu verbessern. Wenn man mit so viel Wohlstand gesegnet ist und sich dann anmasst, bescheidener lebende Menschen wie mich (meine Mittel reichen auch nicht für ein Kinderheim im Sudan, Heilandsack!) in irgendeine lächerliche Schublade zu stecken, weil ich versuche, zu teilen, dann möchte ich der Person, die mich dermassen herab setzt, völlig effektiv und nicht so sehr altruistisch eine schmieren, Punkt.

2) Ich finde diese Grundhaltung („… Altruismus ist was für den naiven und weltfremden Pöbel“) moralisch falsch. Es ist mir absolut bewusst, dass man niemanden zwingen kann, seinen Wohlstand zu teilen (sonst gäbe es keine Reichen wie Herrn Schneider, hüstel). Das ist freiwillig, und was freiwillig ist, kann man nicht einfordern. Ich kann es aber dennoch moralisch verwerflich finden, dass jemand, dessen Einkommen sicher mehr als das 7fache meines Einkommens beträgt, sich da einfach rausnimmt. Keinen Beitrag leisten will zum Gemeinwohl, sich nicht um sozial und finanziell Schwächere kümmern will, ausser ab und zu ein paar Fränkli einer Obdachlosen zu spenden. Ja, ich finde das verwerflich. Ich habe auch meine Gründe, warum ich das verwerflich finde.

Einer ist: Ich bin in finanziell bescheidenem Rahmen aufgewachsen. Meine Eltern hatten kaum Geld und dafür 5 Kinder. Ich trug noch als Teenager die löchrigen Hosen meiner älteren Brüder nach und die ekelhafte Winterjacke mit den zu kurzen Ärmeln aus der Brockenstube. Wir fuhren nie als Familie in die Ferien, das konnten wir uns nicht leisten. Ich war mit 16 mit der Schule das erste Mal im Ausland, das Meer sah ich mit 18 zum ersten Mal. Wir hatten Nachbarn, die mich als Kind aus Goodwill manchmal mit auf einen Ausflug oder gar zum Zelten mitnahmen, weil das bei uns alles nicht drin lag. Das war alles nicht immer nur lustig. Dass ich eine gute Ausbildung machen konnte und jetzt nicht von Armut betroffen bin, war für mich nie selbstverständlich. Selbstverständlich ist für mich vor diesem Hintergrund allerdings, dass man sich um die kümmern sollte, denen es schlechter geht als einem selbst. Das war einer der Werte, den mir meine Familie vermittelt hat, immer, auch und gerade in finanziell schwierigen Zeiten.

Ein anderer Grund ist: Ich habe selber auch schon erfahren, wie es ist, auf die Hilfe von Unbekannten angewiesen zu sein. Ich bin einmal auf einem anderen Kontinent fast gestorben. Ich war schwer krank, allein und konnte mich kaum in der Landessprache verständigen. Fremde Menschen haben sich um mich gekümmert, haben mich in ein Spital gebracht. Man hat mich aufgepäppelt, mir Essen eingegeben, es haben auch wildfremde Menschen für mich Kleider gespendet. Ich hatte ja praktisch nichts dabei, da haben sie für mich Kleider gesammelt. Sie haben meine Kleider gewaschen und mich sauber eingekleidet. Einfach so. Ich hatte kein Geld und war zu krank, um mich darum zu kümmern. Die Menschen da leben allesamt auf einem deutlich tieferen Standard als ich in der Schweiz. Sie kannten mich nicht, sie hatten keinen Vorteil daraus. Sie haben sich um mich gekümmert, einfach nur, weil ich alleine war und es mir schlecht ging. Sie haben mir Kleider geschenkt, einfach so. Seit da spende ich an die Ärzte ohne Grenzen. Ich möchte etwas zurück geben, ich hoffe, dass ich damit einem Menschen medizinische Versorgung ermöglichen kann, der sie dringend braucht, so wie ich damals.

Ja, das dürften sie sein, meine Gründe, warum mich der Text von Herrn Schneider dermassen aufregt. Ich mag ihm sein enormes Einkommen durchaus gönnen, auch seine teuren Lebensmittel, seine Möglichkeiten zur Altersvorsorge, seine Ferien, sogar seine Ferienwohnung. Was ich ihm nicht gönne, ist seine blasierte Arroganz Menschen wie mir gegenüber, seine mangelnde Empathie und das Fehlen eines jeglichen Solidaritätsgedankens. Ich kann ihm nur wünschen, dass er irgendwann in seinem behüteten Oberschichtsleben eine ähnliche Grenzerfahrung macht wie ich, als ich in Südamerika fast gestorben bin. Anders, fürchte ich, wird er nicht lernen, wie wichtig es ist, einander zu helfen, quer durch alle Schichten, quer durch alle Staatszugehörigkeiten und quer durch jedes Einkommen. Ich habe schon als Kind gelernt, dass man das macht, dass man Schwächeren und Ärmeren immer versucht zu helfen. Herr Schneider offenbar nicht. Aber selbst in seinem Alter kann man noch dazu lernen, und das wünsche ich ihm wirklich von Herzen.

Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

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2 Kommentare

  • Antworten
    Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
    9. März 2017 bei 23:07

    Hoi Änni,
    Ich verstehe Deinen Punkt absolut.
    Trotzdem – und obwohl ich selber auch grosszügig spende und teile – gehe ich in der Schlussfolgerung von Herrn Schneider zu 100% einig: „[…] habe ich für den Mindestlohn und die 1:12-Initiative und gegen die USR III gestimmt. Für Gehlen dienen Institutionen der Entlastung von Problemen, an denen jeder Einzelne nur scheitern kann. Aus diesem Grund bin ich für die Stärkung institutioneller Strukturen und gegen die ­Privatisierung der politischen Dimension, in der Charity und Armut bestens ­zusammengehen.“
    Denn nur die institutionellen Strukturen zur Armutsbekämpfung können ein RECHT auf ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen garantieren. Eine Privatisierung führt zu Ungleichheiten und zu einer gesellschaftlichen Schieflage zwischen Gebenden und Nehmenden, zwischen Spendern und jenen, die gefälligst dankbar zu sein haben dafür, dass man ihnen Almosen oder alte Kleider abgibt. Dadurch nimmt man den in Not geratenen Menschen ihre Selbstbestimmung und ihre darauf basierende Würde. Da bin ich strikt dagegen und zahle lieber ein paar Franken mehr Steuern wenns sein muss.

    • Antworten
      Änni
      10. März 2017 bei 16:24

      Liebe Katharina, für mich ist das, was er in seinem Fazit erwähnt (gesetzliche Strukturen schaffen für eine gerechtere Gesellschaft), ebenso wichtig, aber eben kein Gegenpol zu dem, was vorher da steht: Gemeinnützige Projekte unterstützen, Solidarität zeigen, sei es mit Geld oder mit Zeit oder mit Sachen. Kein Gesetz hat mir in Südamerika das Leben gerettet, es war die Solidarität der Menschen dort. Den Sozialstaat stärken ist super, faire Gesetze sind super, aber es sind nicht die Gesetze, die in meiner Region alte Menschen besuchen, ihnen im Haushalt helfen und für sie Fahrdienste tätigen, es ist das rote Kreuz, und das kann das nur mit Hilfe von Spenden. Ich unterstütze deine Haltung, aber das alleine reicht leider nicht.

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