Lebenslage

Wie Änni zum AKW kam (die Geschichte der unbefleckten Empfängnis – äh nein, anderes Thema).

Immer wieder werde ich ungläubig gefragt – von meiner Verwandtschaft, von meiner Bekanntschaft, mittlerweile auch von Fremden auf der Strasse, wie das so ist als Promi -, wie genau oder warum genau es mich denn ins AKW verschlagen hat.
Um diese brennende Frage unserer Zeit zu beantworten, muss ich etwas ausholen (wer mich kennt, flieht. Spätestens jetzt!!)…

Als Adam und Eva… äh nein. Als wandelndes Schweiz-Klischee wurde ich in einer Art sozialisiert, wie sie mittlerweile wohl ausgestorben ist. Heidi und Alpöhi lassen grüssen, auch sie sind mir verwandt. Fern ab der Zivilisation, weit weg von einem Verkaufsgeschäft wofür auch immer, einer Buslinie oder nichtverwandten Menschen – , inmitten der Natur, der Landwirtschaft und der allmächtigen Familie. Wer so aufwächst, hat in der heutigen Gesellschaft nicht nur Exotenstatus, sondern benötigt auch dringend einige Instrumente, um mit dem Kulturschock zurecht zu kommen, sobald er oder sie die heimatlichen Kühe,  Hügel und archaischen Traditionen erstmalig verlässt. Meine Mutter hat mir deshalb wohlweisslich die Blockflöte  und das Klavier eingepackt, als ich beim Erreichen der Volljährigkeit der heiteren Idylle den Rücken kehrte und in die böse, grosse Welt zog. Also in eine wirklich grosse Stadt. Mit über 50’000 Einwohnern, jawohl!!
Die grosse weite Welt fand ich erst ziemlich schockierend (Ein Kochherd, der tatsächlich ohne Holz funktioniert?! Eine glühende, birnenförmige Vorrichtung, die heller leuchtete als all unsere Kerzen zuhause?! Ein Klo voller Wasser?!), danach allerdings klasse. Einfach wildfremde Menschen auf der Strasse nicht grüssen, ohne dafür von der Grossmutter sanktioniert zu werden! Sich auch mal in Männer vergucken können, ohne Angst haben zu müssen, dass es sich wieder um einen entfernten Cousin handelt! Verrückte Dinge tun wie sich Essen liefern lassen! Erkennen, dass es Gerichte jenseits von Rösti und Hamme und Chuttle gibt! Feststellen, dass man eigentlich nicht gleich ein Freak ist, bloss weil einem die lüpfige Musik des Familienquartetts nicht gefällt!

Ja, die Zeit war toll. Ständig Heerscharen nackter, wildfremder Leuten im Badezimmer begegnen, der ewig leere Kühlschrank trotz täglichem Wocheneinkauf, morgens um 4 von einem sturmläutenden, wildfremden Idioten geweckt werden, der sich als Bekannter eines Bruders eines Schwagers einer Mitbewohnerin vorstellte, sich an mir vorbeidrängte und sich ins nächste freie Bett fläzte – das schöne Gefühl, morgens als einzig arbeitende WG-Genossin nicht duschen zu können, weil die vier unbekannten, seit 3 Wochen einquartierten Australierinnen gerade eine Bade-Party veranstalten (zu viert in einer Wanne, ich schwöre!!), die Tatsache, dass in der Küche kein warmes Wasser vorhanden war (ok, das erinnerte irgendwie an daheim), der zugemüllte und somit nicht benutzbare Balkon, die Tatsache, dass auf 4 Mitbewohner nur 2 Hausschlüssel vorhanden waren, die abgedrehte Mitbewohnerin, die nur noch schriftlich und per Anwalt kommunizieren wollte – es war ja so schön.

Irgendwann war es so schön, dass ich beschloss, mit meinem mittelländischen Freund (er hat anfangs immer behauptet, er sei „eigentlich Berner“ – eine von vielen folgenden Lügengeschichten, wie sich herausstellte. Andererseits, wenigstens schämt er sich seiner tatsächlichen Herkunft, was ja ein Anfang ist) zusammen zu ziehen – und weil ich die mondäne Welt (morgens um 4 noch einen Döner auftreiben können, ist ja schon sehr cool), an die ich mich gewöhnt hatte, nicht verlassen wollte, zogen wir in eine Kleinstadt (deren Namen ich nicht nennen will, sonst krieg ich wieder Ausschläge). Welch fataler Fehler!!

 

Merke: Entweder, du entscheidest dich als SchweizerIn für das „eher städtische Leben“. Dann zieh in eine der 4 möglichen „Städte“ (die im Ausland allesamt als Dorf angesehen werden).

Oder du entscheidest dich für die Provinz. Dann zieh irgendwohin, aber irgendwohin, wo du auch die Vorteile des Landlebens geniessen kannst. Oh ja, die gibts:

  • Ruhe
  • Kaum Verkehr
  • viel Grün
  • Dorfbewohner mit 2 möglichen Nachnamen – für vergessliche Menschen wie mich ein Plus, da hast du immer 50% Chance auf Richtigkeit,
  • keine Wohnsilos
  • etc.

 

Jedoch auf keinen Fall in eine „Kleinstadt“!! Diese weist alle Nachteile des Landlebens auf:

 

  • keine brauchbaren Lieferdienste,
  • Öffnungszeiten wie in Hinterunterschachenwil,
  • kein vernünftiger ÖV,
  • Inzest und andere Nichtenwirtschaft,
  • Mentalitäten, frisch importiert aus dem Mittelalter,
  • latentes Bünzlitum und RosinenkackerInnen an jeder schön 90 grädigen Ecke
  • etc. etc.

 

jedoch ohne die Vorteile der „offiziellen“ Provinz.

 

Das kann dann etwa so aussehen:

Du wohnst mit 150 anderen in einem Wohnsilo Marke 60er Jahre, die Hauptstrasse neben der Wohnungstür, Grün ist höchstens dein Wahlzettel, die Dorfbewohner heissen alle verschieden und sind tödlich beleidigt, wenn du Müller mit Meier verwechselst, du wirst täglich angebettelt und wenn du als verhältnismässig junge Frau auf die absurde Idee kommst, alleine in einem Café einen Kaffee zu trinken, hast du den Ruf als Schlampe gleich gratis zum überteuerten Kaffee dazu – plus die obenstehenden Nachteile, die halt einfach zum Landleben dazu gehören.

Darum, werter Zeitgenosse, werte Zeitgenossin: Wenn schon Provinz, dann richtig. Aus der Kleinstadt, deren Name mich immer noch erblassen lässt, floh ich bald mit Mittelländer, Schnurrli und Murrli in ein Dorf, das dieser Bezeichnung würdig ist. Die Dame auf der Gemeindeverwaltung begrüsste mich enthusiastisch und liess mich erst wieder gehen, als ich ihr die Geschichte meiner Familie bis ins 16. Jahrhundert nacherzählt hatte, und die Umgebung war grün, so grün, dass sich selbst meine Daumen zart verfärbten. Änni, Mittelländer, Schnurrli und Murrli gefiel es ausserordentlich in dieser grünen Oase – leider war die schicke und riesige Wohnung irgendwann einfach zu teuer.

Schweren Herzens machten wir uns erneut auf, eine neue Heimat zu erobern. Das Inserat einer spottbilligen „aussergewöhnlichen Wohnung für aussergewöhnliche Mieter“ mit „interessanter Architektur“ und „viel Charme“ stach uns bald ins Auge. Der Standort? Ein Kaff, das sich hart an der Grenze zum Weiler befindet. Das AKW vor der Haustüre. Der Vermieter (nein, nicht Mr. Burns!) im selben Haus. All dies klang so verlockend, dass… Ok, euch kann ich’s ja sagen: wir, Änni, Mittelländer sowie Schnurrli und Murrli waren akut etwas abgebrannt. Also so ziemlich etwas sehr pleite. (Ja, Schnurrli und Murrli hatten es beim Online-Poker irgendwann einfach übertrieben) Wie soll ich sagen: Die Wohnung war wirklich günstig…

Wir sind da also eingezogen, und ich fing ziemlich überstürzt und völlig ungeplant an, die Wohnung zu mögen. Aus einleuchtenden Gründen, wie ich finde.  Zum Beispiel,  weil die Heizung bei -18 Grad ausstieg – so viel Mut und Zivilcourage von einer einfachen Heizung, auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, find ich einfach bewundernswert. Als auch noch das fliessende Wasser wegblieb, ging mir auf, was mit „Charme“ gemeint war: Diese Wohnung besitzt einen eigenen Charakter, den man in seiner Launenhaftigkeit ernstnehmen muss. Fortan errichtete ich der Wohnung einen pompösen Altar und schlachtete ein hilfloses Rehkitz, wann immer wir Besuch erwarteten und fliessend Wasser erhofften – mit durchschlagendem Erfolg, würd ich sagen. (Leider sind die Rehe im Bezirk AKW mittlerweile ausgestorben – die blöden Jäger, ehrlich. Ich erwog, auf Dalmatinerwelpen umzusteigen, aber die doofe Cruella meinte, darauf habe sie das Copyright – aktuell bin ich etwas verzweifelt, Opfer-Vorschläge  nehm ich gerne entgegen)

Als mir gewahr wurde, dass die Waschmaschine nicht etwa schimmelbefallen, sondern einfach ein einziger grosser Schimmelpilz ist, verdrückte ich ein paar Freudentränen – ich liebe Pilze! Die Eisblumen am Küchenfenster riefen in mir längst vergessene nostalgische Gefühle hervor, die Warnung des Glasers, „putzen Sie hier ja nicht die Fenster, die sind hauchdünn“ („Juchu! Nie mehr putzen!! Es wurde mir verboten!!“) wie auch die aufmunternden Worte des Heizungsmonteurs: „ach wissen Sie, Sie müssen diesen Radiatoren einfach etwas Zeit geben!“ führten zu folgender Erkenntnis:

Wir sind jetzt zu fünft. Änni, Mittelländer, Schnurrli, Murrli und die Wohnung. Sie führt ein Eigenleben, und ich tue gut daran, sie nicht allzu sehr zu verärgern – sie ist schlicht am längeren Hebel…

 

Ins Dorfleben haben wir uns gut integriert, auf der Bank sprachen sie mich ab dem 2. Besuch mit Vor- und Nachname an, auf der Post warte ich jetzt geduldig, bis der halbstündige Plausch mit der „Kundin“ vor mir vorbei ist, Schnurrli und Murrli haben sich der ansässigen Dorfgang angeschlossen – ok, die neuen Frisuren und ihr Kleidungsstil sind noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber das nur am Rande -, das Sortiment des Dorfladens führt immer wieder zu Erheiterungsausbrüchen meinerseits – und NIEMAND beschwert sich über meine Dusche nach 22 Uhr – ja, ich arbeite Schicht!!, NIEMAND schreibt anonyme Drohbriefe, wenn die Wäsche zu lange baumelt, NIEMAND unterstellt mir öffentlich einen Job in der Pornobranche, weil ich so viele Pakete bekomme und verschicke, die Busfahrer warten geduldig, bis ich angerannt komme, um mir danach eine Standpauke zu halten – Heimat!!

 

Und das AKW? Mal im Ernst, spielt es eine Rolle, ob man 1km, 10km oder 100km von einem AKW entfernt wohnt im Falle eines Super-GAU? Und man muss sowas ja längerfristig und vor allem realistisch sehen – in ein paar Jahren ist Atomenergie endgültig Geschichte, der ganze verseuchte Schrott wird mit einem neuartigen Verfahren in Grundnahrungsmittel und warme Kleider für Bedürftige umgewandelt, der Kühlturm wird farbig bemalt und in einen riesigen Robinson-Spielplatz integriert – genau, das wird die Ära sein, in der Änni endlich die Weltherrschaft erlangt hat….

 

Anm. der Red.: Meine beiden Katzen heissen nicht wirklich Schnurrli und Murrli. Nur, damit das klar ist!!!

Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

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2 Kommentare

  • Antworten
    Anita
    13. April 2012 bei 11:15

    Au ja, darauf freu ich mich schon, wenn meine Nahrung aus feinstem recycletem Atommüll hergestellt wird. Wir sind schliesslich auch nur alle aus Atomen, und so schliesst sich der Kreis. Asche-Atome zu Asche-Atomen und Staub-Atome zu Staub-Atomen quasi 🙂

  • Antworten
    aenni
    14. April 2012 bei 14:03

    Genau! Für ganzjährig frisches, strahlendes Obst in Bioqualität – frisch rezikliert aus verseuchtem Endmüll!! Ja – wenn man mich nur machen liesse…

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