Lebenslage

Olten und Winzighausen

Inspiriert vom aktuellen Trend bei meinen präferierten BloggerInnen, wie z. B. bei Frau Gminggmangg und Frau Nessy, folge ich dem Trend und stelle euch mein Stadtviertel vor. Also mein Kaff. Und das Kaff, zu dessen Agglomeration mein Kaff gehört. Aber ich will nicht die ganze Epik meiner Beschreibung vorwegnehmen.
Seit knapp einem Jahr wohnen wir in Winzighausen.* Winzighausen ist ein lebendiger, pulsierender Vorort vom mondänen Olten. Olten selber ist nicht nur geographisch die Mitte der Mitte der Schweiz, nein, darüber hinaus ist es DER Verkehrsknotenpunkt des schweizerischen ÖV’s. Mit dem Zug von Bern nach Zürich, von Zürich nach Basel oder von Basel nach Luzern: Kein Langstrecken-Pendler kommt an Olten vorbei. Nebst einem ausserordentlichen Bahngeleisen-Gewirr wartet Olten jedoch mit vielen anderen Highlights auf. Dazu gehören Europas längster Strassenstrich, ein ansprechendes Pflaster für Dealer, Busfahrer, die im eigenen Bus rauchen, ein Museum, das auch 2012 Fundstücke aus der UdSSR und der DDR präsentiert, ein ansprechendes Industriequartier, nach Urin riechende Unterführungen, ganze Busladungen voller Freaks, Dönerbuden des Grauens, Cafés, in denen man von Fremden 200 CHF für „was Erotisches mit Spass!“ angeboten kriegt – Olten ist die verkannte Perle des Mittellandes!
(Einen lyrischen Erguss dazu hier.)
Mit meinen Schwärmereien über Olten will ich mich hier jedoch nicht länger aufhalten – schliesslich wohnen wir nicht wirklich da, sondern zehn Busminuten entfernt im malerischen Winzighausen. Winzighausen zeichnet sich nicht nur durch den unablässigen, omnipräsenten Schoki-Geruch aus, der durch den Ort weht, was auf die nahe Lindt-Fabrik zurückgeht, nein, in Winzighausen ist die Welt noch in Ordnung. Landwirte treiben in aller Seelenruhe ihr Vieh durch die Hauptstrasse, der Dorfpriester segnet in einer bewegenden Zeremonie das neue Löschfahrzeug der Feuerwehr, die Dorfjugend verbringt die Samstagabende auf der kuschligen Mauer vor unserer Wohnung, die Post hat von 9-11 Uhr offen, und die Angestellte der örtlichen Bank will ab dem zweiten (!) Aufsuchen die Bankkarte nicht mehr sehen: „Ach, Frau Ä, ich finde Sie schon im PC!“
Winzighausen hat weder Coop noch Migros, dafür jedoch den Gipfel des ländlichen Detailhandels: Eine Landi! Das Mehl wird in 5kg Säcken verkauft, das Sortiment an Gummistiefeln ist beeindruckend, es werden nicht nur Koch- sondern auch Saatkartoffeln verkauft und das Anstehen an der Kasse kann aufgrund des Plausches der Verkäuferinnen mit ihrer Stammkundschaft schon mal länger gehen.
Das langezogene Dorf wird durch die Hauptstrasse halbiert. Links der Hauptstrasse wohnen die wohlhabenden Winzighausener, mit Einfamilienhäusern, Gartenzwergen und nachgebauten Ritterburgen im adretten Garten**. Rechts der Hauptstrasse dagegen wohnt der Pöbel. Einige uninspirierte Wohnblöcke sowie eine grössere Anzahl an alten, baufälligen bis malerisch verfallenden Häusern prägt das Bild.***
Winzighausen überzeugt jedoch nicht nur durch Urbanität und pulsierendem Leben, der Ausblick auf das nahe AKW führt dem philosophisch geneigten Besucher zudem eindrücklich die omnipräsente Vergänglichkeit des Seins vor Augen.
Leben in Oltens Agglo – Was sonst?!
*Winzighausen existiert auf keiner Schweizer Karte, der erfundene Dorfnamen trifft den Charakter meiner Wohngemeinde jedoch auf den Punkt.
** Wer mir das mit den Ritterburgen nicht glaubt, der breche auf nach Winzighausen, auf dass ich es ihm beweise!
** Ihr ahnt es: Wir wohnen auf der rechten Seite der Hauptstrasse, in einem der fröhlich vor sich hin marodierenden Häuser.
Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

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5 Kommentare

  • Antworten
    jpr
    26. November 2012 bei 22:20

    Bei soviel beschriebenem Charme stellt sich ja vor allem die Frage: bekommt man in Sichtweite des AKW auch noch Jodtabletten beim Zuzug, oder nur noch eine Sonnenbrille, damit der Blitz nicht so blendet?

    • Antworten
      aenni
      27. November 2012 bei 05:31

      Die Jodtabletten werden den Zuzügern zwar abgegeben, da der Kühlturm des Kraftwerks jedoch gerade mal knapp 3 km entfernt ist, ist dies wohl eher ironisch zu interpretieren. Nichtsdestotrotz: WIR werden im Falle eines Super-GAU nicht noch Jahrzehnte lang herumvegetieren, und wir werden auch keine verstrahlten Kinder zur Welt bringen! Daneben: Oban nun 3km, 30km oder 300km neben einem AKW lebt, ist im Falle einer Kernschmelze auch nicht mehr so relevant…
      Strahlende Grüsse,
      Änni

      • Antworten
        jpr
        27. November 2012 bei 18:25

        Oh, keine Frage. Aber ich dachte, wo ich den Schatten des Turms eben nur linker- oder rechterhand vorbeifahren kenne muss ich mal ergruenden, wie es in selbigem ist (und was der Durchfahrer von Olten kennt laesst an Ihrer Schilderung wenig zweifeln).

  • Antworten
    pipistrella
    4. Dezember 2012 bei 11:23

    oh, dann muss ich unser kaff ja gar nicht mehr vorstellen, das wäre dann winzighausen neben aarau. entspricht etwa euren winzighausen. statt schoggiduft wäre es aber der schweinestallgeruch, den jeder kennt, der auf der a1 an aarau west vorbeifährt und dabei auch noch das fenster offen hat.

    das akw, noch in knapper sichtweite, beschert uns unvergessliche sonnenuntergänge oder so…

    • Antworten
      aenni
      4. Dezember 2012 bei 20:51

      Na dann: Hallo NachbarIn! 🙂 Ja, es gibt viele schöne Käffer im Schatten des AKW’s… Und ich weiss so bei klarem Wetter immer, in welcher Richtung mein Zuhause liegt – in Richtung atomarem Wölkchen!
      Gruss, Änni

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