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Liebes Tagebuch XXIX: Das Leben, das Universum und der ganze Rest (Corona-Version)

Seit 6 Wochen dauert der Corona-Ausnahmezustand in meinen Breitegraden nun an. Zeit für ein Résumé, allerdings ein gänzlich individuelles. Wie sagte ich bereits zu Beginn dieser Sonderserie, liebes Tagebuch: So verschieden die Menschen, so verschieden die Herausforderungen, Möglichkeiten und Einschränkungen, die sie mit sich bringen. Meine persönliche Lebenssituation ist, das kann ich mittlerweile mit Gewissheit sagen, in einem Ausnahmeszenario wie das, welches wir alle gerade erleben, absolut privilegiert. Ich wusste schon vor der Pandemie, dass ich ein wirklich gutes Leben lebe, es hat sich nun einfach nochmals bestätigt. Mittlerweile getraue ich mich schon fast nicht mehr, das zu äussern, weil es so furchtbar selbstgerecht klingt. Dabei habe ich einfach Glück, ich bilde mir nicht ein, dass ich mir all diese Privilegien selbst zuzuschreiben habe. Wie auch immer: Ich bin ein Mensch, der grundsätzlich schon viel über sich und sein Leben nachdenkt, in der Zeit, in der ich nun noch mehr Raum dazu hatte, habe ich meinen Lebensstil nochmals gründlich durchdacht. Jedenfalls: Auch für mich waren es merkwürdige 6 Wochen. Vieles ist anders. Über folgende Dinge habe ich unter anderem nachgedacht:

Beziehungsgeschichten

Ich bin es mich nicht gewohnt, soviel Zeit mit meinem Freund zu verbringen. Er hat ätzende Arbeitszeiten, seit Jahren sehen wir uns kaum, höchstens in den Ferien. Wenn ich aus dem Haus gehe, schläft er noch, wenn ich nach Hause komme, arbeitet er, wenn er nach Hause kommt, sollte ich schon schlafen. Wir haben uns mit diesem Modell arrangiert, wir hatten ja auch nicht wirklich eine Wahl. Was ich nach 6 Wochen Lockdown sagen kann, ist, dass wir uns wohl keine Sorgen um unser Zusammenleben als Rentner machen müssen. Nein, wir gehen uns nicht auf den Sack, nur weil wir gemeinsam wochenlang in unserer 3.5-Zimmerwohnung feststecken. Oder zumindest nicht mehr, als sonst, gemeinsame Kochaktivitäten bergen nach wie vor latentes Konfliktpotential, du erinnerst dich… aber ernsthaft: Wir passen gut zusammen. Es gelingt uns problemlos, uns trotzdem voneinander abzuschotten, wenn wir das Bedürfnis dazu haben – und ja, das haben wir, beide. Wir sind zwei wirklich merkwürdige Menschen, und es ist ein kleines Wunder, dass wir uns bei allen Unterschieden gefunden haben und so gut miteinander funktionieren. Wir haben Erfahrungen mit Krisen, wir haben viel zusammen durchgestanden, wir kennen uns ausgezeichnet. Und ich kann nun mit Gewissheit sagen: Wenn schon Pandemie, dann unbedingt mit meinem Freund.

Kinder

Wir haben keine Kinder, und wir werden auch keine bekommen. Das ist eine Entscheidung, die uns viele, viele Tränen gekostet hat, und, da mache ich mir nichts vor, auch künftig noch manchmal zu Tränen führen wird. Aber, das wurde mir in dieser verrückten Zeit absolut deutlich, es war die richtige Entscheidung. Wir funktionieren gut als Paar, als Eltern wären wir ne Katastrophe. Unser Leben ist so, wie es ist, wirklich gut, das Universum hat es, wenn ich die Sache spirituell formuliere, für uns wohl einfach nicht vorgesehen, Eltern zu sein. Ich beneide wirklich niemanden, der in diesen Zeiten auch noch die Kinderbetreuung managen muss.

Konsumverhalten (Lebensmittel)

Eine weitere für mich wichtige Veränderung in dieser Zeit, ich hab es dir schon paar Mal erzählt, liebes Tagebuch, ist sicher mein Einkaufsverhalten. Ich kaufe jetzt konsequent nur 1mal pro Woche im Supermarkt ein und noch einmal in unserer kleinen Dorfbäckerei – die übrigens Ende Mai für immer schliessen wird, was wirklich furchtbar schade ist! Aber wie auch immer, das ist echt ne komplette Änderung. Durch unsere komplett gegensätzlichen Tagesabläufe und unsere mangelnde Organisationsfähigkeit kaufen wir normalerweise fast jeden Tag irgendwas ein. Ich komme auf meinem ÖV-Arbeitsweg bei einem Bahnhof-Coop vorbei, und meistens hole ich dort auf dem Nachhauseweg noch irgendwas, worauf ich gerade Lust habe oder das in meiner Erinnerung gerade ausgegangen ist. Meist schreibe ich, bereits im Coop stehend, meinem Freund ne Standard-SMS „bin im Coop, soll ich ein Brot mitbringen?“, meistens reagiert er erst etwa eine Stunde später darauf, weil er um diese Zeit als Kurier Rush Hour hat, ich komme zu Hause an und stelle dann fest, dass mein Freund nicht nur ebenfalls ein Brot gekauft hat, sondern auch noch genau so viele Bananen und Äpfel wie ich. Ja, wir sind Chaoten, beide, auch wenn mein Freund auf den ersten Blick nicht so wirkt, und unser Haushalt entgleist uns regelmässig. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir häufig Lebensmittel wegschmeissen müssen, weil wir sie nicht rechtzeitig aufgebraucht haben und generell beide keinen Überblick über unsere Vorräte haben. Nebst dieser schlechten Koordination ist es auch wirklich so, dass ich teilweise wegen einem einzigen speziellen Produkt in einen bestimmten Supermarkt fuhr, oder dass ich generell gerne in grosse Supermärkte einkaufen ging (mal abgesehen vom Bahnhofcoop), weil die da meine super spezielle Currypaste oder einzeln verkaufte Bio-Zitronen im Sortiment haben. Ich hab meine vornehme Nase über das Sortiment unseres Dorf-Supermarkts, der echt nur etwa 300m von unserer Wohnung entfernt ist, vor dem Lockdown ziemlich gerümpft. „Die haben nicht mal Bio-Sellerie!“ – mein Freund äffte mich nach solchen Sprüchen gerne nach. Nun, 6 Wochen Lockdown später kann ich sagen: Ich kann mit dem Sortiment problemlos leben. Ich kaufe nur noch da ein. Obwohl die Filiale klein ist und die Kokosmilch schon vor Corona öfter mal ausverkauft war, ich kann mich damit gut arrangieren. Ich meine, kaufe ich eben erst nächste Woche Kokosmilch. Esse ich halt konventionellen Sellerie, bisher habe ich deshalb keine bleibenden Schäden davongetragen. Es ist ja so: In vielen anderen Ländern, die wir bereist haben, sei es Island oder Costa Rica, hatten wir in Supermärkten oft nur einen winzigen Bruchteil der Auswahl an Produkten wie bei uns in der Schweiz (ausser vielleicht in den ganz grossen Städten). Es ist also immer eine Sache der Perspektive. Heute, als ich ausnahmsweise an einem grösseren Supermarkt auf dem Arbeitsweg anhielt (ich war heute das erste Mal seit 5 Wochen wieder am Arbeitsort – mit dem Auto übrigens, ich meide den ÖV seit dem Lockdown konsequent), beschloss ich für mich schon beim Eintreten, dass ich auch künftig im Dorf einkaufen werde. Die Distanzregeln machen es in einem grossen Geschäft mit vielen Menschen nicht unbedingt angenehmer, und ich war heilfroh, als ich da wieder raus konnte. Im Dorf sind nie viele Leute gleichzeitig im Laden, die Verkäuferinnen kennen mich und grinsen, wenn ich wie jeden Montag Abend seit 5 Wochen mit einem vollen Einkaufswagen an der Kasse stehe. Es hat was Beschauliches, Freundliches, so einzukaufen. Ich werde das, so gut es halt geht, wenn sich mein Arbeitsalltag normalisiert, beibehalten.

Sozialkontakte

Dann ist da noch die Sache mit dem Social Distancing. Wie soll ich sagen. Dass man einander nun nicht mehr die ominösen drei – oder einen?? Oder zwei?? – Küsse auf die Backen drücken muss bei der Begrüssung, damit kann ich echt leben. Dass das Händegeschüttel wegfällt, das find ich richtig gut! Allerdings, ich will ehrlich sein: Auch mir fehlen enge Bezugspersonen. Meine Schwestern habe ich ewig nicht mehr gesehen, ebenso meine Nichten, was wirklich schmerzt. Mit meinen Eltern habe ich mich nur einmal für eine Stunde auf ihrer Terrasse mit gebührendem Abstand getroffen. Selbst meine durchgeknallten Brüder und meine Schwägerinnen fehlen mir. Wir haben einen engen Familienzusammenhalt, normalerweise. Dann ist da meine beste Freundin, sie arbeitet auf der Covid-Station im Spital, sie werde ich wohl ewig nicht mehr treffen können – und sie fehlt mir ganz furchtbar. Und schliesslich sind da noch meine ganzen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Ich arbeite in einem, wie soll ich das ausdrücken, etwas eigenartigem Betrieb, als ich vor 7 Jahren da anfing, war ich mir nicht ganz sicher, ob das eine Art Sekte ist. Alle sind wahnsinnig eng miteinander, man macht gemeinsam Yoga, man spielt zusammen in einer Band, man geht zusammen feiern. Ich habe mich dann aber nach der ersten Irritation doch ganz gut integriert, und mir fehlen die lustigen, schrägen, spannenden Menschen, mit denen ich normalerweise jeden Tag zusammen bin, wirklich sehr. Ich vermisse die Scherze in der Pause, die angeregten fachlichen Diskussionen, sogar das gemeinsame Yoga. In der letzten Woche, als ich zu Hause arbeitete, versuchte ich ein paar Mal vergeblich, meine Gespräche mit meinem Kollegium durch Gespräche mit meinem Freund zu ersetzen – was bei ihm zu grosser Irritation führte. „Also, erstens: Ich erkenne den roten Faden in deinen Ausführungen nicht. Warum schweifst du ständig ab? Was hat das Kind deiner Arbeitskollegin mit deinem Mitarbeitergespräch zu tun?! Zweitens: Was erwartest du jetzt von mir?! Einen Rat? Eine Einschätzung? Warum erzählst du mir das alles?!“ – tja, mein Freund halt, wie er leibt und lebt. Erst da wurde mir so richtig bewusst, wie wichtig es für mich ist, meine beruflichen Themen und Ideen mit jemandem auszudiskutieren. Im besten Fall mit jemandem, der sich für diese Themen ebenfalls interessiert und mir gerne zuhört.

Homeoffice

Dann ist da noch die Sache mit dem Homeoffice ganz Allgemein. Wie soll ich sagen. „Es war eine interessante Erfahrung, die ich jetzt gerne beenden möchte“ – so formulierte ich es heute einer Arbeitskollegin gegenüber. Ich bin definitiv NICHT für Homeoffice gemacht. Das hat eine ganze Palette an Gründen, zum einen bin ich zu Hause viel weniger fokussiert – man könnte auch sagen, ich hab die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege – , zum anderen fehlt mir die Struktur, die vorgegebenen Rahmenbedingungen – und abgesehen davon kann ich zu Hause logischerweise nur Büroarbeiten verrichten. Liebes Tagebuch, ich erinnere mich lebhaft an die Phase in meinem Berufsleben, in der ich müde war von der stationären Arbeit. Ich hatte die Schnauze voll von der Schichtarbeit, ich lebte mit einem ständigen Schlafmanko und durch die Nachtdienste auch in einer Art Jetlag. In dieser Zeit dachte ich tatsächlich darüber nach, mich auf einen Bürojob umschulen zu lassen. Irgend so ein KV-Job, dachte ich, das wärs. Regelmässige Arbeitszeiten, keine menschlichen Dramen, ich und mein PC, paar Tabellen bearbeiten und um 17 Uhr Feierabend. Nun ja. Mittlerweile ist mir nicht nur bewusst, dass wohl kein KV-Job dieser Welt tatsächlich so easy und locker flockig ist, nein, ich würde auch gerne in der Zeit zurückreisen und meinem damaligen Ich „EIN BÜROJOB IST ABSOLUT DAS LETZTE FÜR DICH!!“ ins Gesicht brüllen. Das Universum meinte es rückblickend wirklich gut mit mir, mein beruflicher Weg ging anders weiter. Ich lebe auf in der Arbeit mit meinen Kids und Teens, ich ziehe Sinn, Witz und Freude aus meiner Arbeit. Natürlich arbeite ich unter normalen Umständen auch im Büro, ich habe viel Schreibtischarbeit. Aber eben nicht nur.

Liebes Tagebuch, heute hab ich dich richtig zugetextet. Aber wie soll ich sagen, das Leben, das Universum und der ganze Rest bieten halt auch viel Stoff. In dem Sinne: Danke fürs Zuhören – und bis bald.

Dein Änni

 

Auf dem Pass scheint die Welt noch in Ordnung.
Das einzig Schöne an meinem Auto-Arbeitsweg ist diese Aussicht.
Dieses Mal hab ich die Eier übrigens in der Bratpfanne gebraten, was deutlich empfehlenswerter ist als die Sache mit dem Loch. Ach ja: Die beiden Toasts mit Spiegeleier verfügen laut meiner dubiosen App über 1200 Kalorien, was meinem gesamten Tagessoll entspricht. Das wird ein Spass…

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