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„Fürs Füdli putzen brauchts kein Diplom“

Meine werte Leserschaft: Normalerweise poste ich an dieser Stelle eher banalen Nonsens. Das hier ist weder banal noch nonsenshaft gemeint, es ist vielmehr ein Statement, das ich in aller Öffentlichkeit loswerden will, sonst platzt mir nämlich nächstens der Kragen samt Hals, und diese Sauerei kann niemand wollen.

Seit zwei Jahren arbeite ich nicht mehr im Bereich Behindertenhilfe, sondern an einer Sonderschule für Schüler mit „sozialer Auffälligkeit“, wie der Sozi so schön sagt. Davor war ich allerdings über 10 Jahre mehr oder weniger im Bereich der Behindertenhilfe tätig, meist im Kinder- und Jugendbereich. Ich habe also durchaus ein bisschen Ahnung, wie der Alltag auf einer Wohngruppe mit Kindern und Jugendlichen mit kognitiver plus evenutell allerlei körperlichen Einschränkungen aussieht.

Es gibt wenig, was mich so in Rage bringt, wie Bemerkungen wie „fürs Füdli putzen bist du doch überqualifiziert“ oder „das ist total unökonomisch, ausgebildete SozialpädagogInnen, die Füdlis putzen oder Essen eingeben, dafür braucht man doch keinen FH-Abschluss“. Mit Verlaub:

Huere tami Siech!!!

Ich kann nicht wirklich ohne grobe Fluchwörter ausdrücken, wie sehr mich das auf gleich mehreren Ebenen ärgert. Aber ich will hier nicht nur rumfluchen, ich versuche, einigermassen sachlich den Grund für meine Wut zu erläutern. Ich unterteile mal die Menschen, von denen ich solche Sprüche höre, zur besseren Übersicht in drei Gruppen.

1. Da gibt es Menschen, die sich in ihrem ganzen Leben noch nie ernsthaft mit dem Thema Behinderung, Pflege, Betreuung etc. auseinander gesetzt haben. Für diese Gruppe, die den im Titel genannten Satz äussern, ohne auch nur irgend einen Hauch einer Ahnung zu besitzen, was sie da sagen: Setzt euch mal gefälligst mit diesem Thema auseinander. Spätenstens im Alter werdet ihr schneller damit konfrontiert, als euch lieb sein wird. Ihr müsst ja nicht mal dicke Bücher lesen: Geht an einen Tag der offenen Tür einer Einrichtung eurer Nähe. Verbringt etwas Zeit mit dem behinderten Sohn eurer Nachbarin, Arbeitskollegin, Cousine. Geht zum Mittagessen in das öffentliche Bistro einer Institution für Menschen mit Behinderungen. Und, als kleiner Tipp: Überlegt euch zuvor gründlich, wie IHR behandelt werden möchtet, wenn ihr mit einer Behinderung leben würdet. Ein Töffunfall, eine Hinrverletzung, und schon ist das sehr realistisch. Dass ihr ohne Behinderung geboren seid, ist Zufall, mehr nicht.

2. Dann gibt es Menschen, die arbeiten selber in leitender Funktion einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Sie sitzen mir vis-à-vis, während ich mich für eine offene Stelle bewerbe. Sie lauschen meinen Ausführungen, was meine Grundhaltungen und meine Motivation für meinen Beruf sind, um dann nachdenklich zu sagen: „Das klingt so, als hätten Sie sehr viele Ideen… also, und Sie scheinen sehr motiviert… und dann haben Sie noch einen FH-Abschluss… wissen Sie, ich habe den Eindruck, Sie sind überqualifiziert.“ Sehr schön. Menschen mit Ideen und Motivation sind nicht gefragt, die könnten noch unbequem werden. Menschen mit FH-Abschluss erst recht. Warum bewerben sich die auch für einen simplen Betreuungs-Job, den doch „jeder, der Kinder hat“ – oder, wie es manchmal scheint, zumindest schon mal irgendwo Kinder gesehen hat – problemlos erledigen kann. So ein bisschen Körperpflege, Essen eingeben, mit Rollstühlen spazieren gehen, also, das kann doch nicht so schwer sein! Das ist ja nicht gross anders als die Betreuung von Kleinkindern… Ich muss gestehen: Dieser Menschenschlag, in leitender Funktion in der Behindertenhilfe tätig und offenbar voller Verachtung für das eigene Arbeitsfeld, der ist mir zuwider.

3. Und dann, last but not least, gibt es noch die ganze Fraktion von SozialpädagogInnen und PädagogInnen aus einem anderen Berufsfeld als dem der Behindertenhilfe. Leute also, die sich sehr wohl mit dem Thema Betreuung, Pädagogik, Entwicklung und Lernen auseinandergesetzt haben, an der Uni, an der FH, am Lehrerseminar. Auch aus dieser Ecke kommen Sprüche wie, ich zitiere gerne noch mal: „fürs Füdli putzen bist du doch überqualifiziert“ oder „das ist total unökonomisch, ausgebildete SozialpädagogInnen, die Füdlis putzen oder Essen eingeben, dafür braucht man doch keinen FH-Abschluss“ (im Gegensatz zum Bereich „Verhaltensauffälligkeit“, „soziale Auffälligkeit“, „psychische Auffälligkeit“, „Sucht“, „Migration“ oder was auch immer – dieser euer eigener Arbeitsbereich ist ja derart komplex und herausfordernd, da muss man ja unbedingt eine gute Ausbildung und einen „professionellen Habitus“ haben, nicht wahr) . An euch, werte BerufsgenossInnen, möchte ich erst mal folgende, wenig feine Aufforderung loswerden: Fickt euch mal kräftig ins Knie. Wenn ihr dann damit fertig seid: Geht mal eine Woche lang in eine Behinderteneinrichtung arbeiten. Ich schwöre: Ihr werdet dort „Verhaltensauffälligkeiten“ und „soziale Auffälligkeiten“ sowie „psychische Auffälligkeiten“ kennen lernen, da droht euer hochgeschätzter professionelle Habitus zu explodieren.

So. Die Gruppen sind sortiert, aber ich bin noch lange nicht fertig mit meinen Ausführungen. Als nächstes möchte ich euch Gründe nennen, warum genau denn solche Äusserungen so daneben sind, und zwar ganz egal, aus welcher Richtung und mit welchem Hintergrund (-wissen) sie kommen.

  • Nein! Nicht jedeR kann das. Selbst wenn er oder sie schon mal irgendwo ein paar Kinder gesehen hat. Die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen mit der mit Kleinkindern zu vergleichen, strotzt dermassen vor Diskriminierung, dass mir eigentlich fast die Worte fehlen. Ich denke an all die wunderbaren Menschen, die ich dank meinem Beruf kennen lernen durfte, mit all ihren Eigenheiten und Besonderheiten, mit ihren Fähigkeiten und Schwierigkeiten, und möchte einfach noch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Kein Mensch ist mehr wert oder wichtiger als ein anderer. Punkt. Ob ich mit meinem wunderbaren FH-Abschluss oder die von mir betreute Jugendliche mit diversen körperlichen und kognitiven Einschränkungen: Wir sind beide gleich viel wert. Ihr Wohlbefinden ist ebenso wichtig wie meins. Sie hat nicht weniger Lebensqualität verdient als ich, sondern haargenau gleich viel. Sie hat nicht die selben Möglichkeiten wie ich, aber sie verdient exakt den selben Respekt und exakt die selben Menschenrechte, die selbe Würde, die selbe Chance auf Bildung, das selbe Recht auf Integrität. Diese zu schützen und zu wahren, ihr ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, sie möglichst viel lernen zu lassen, mit ihren wuchtig ausfallenden Wutanfällen gelassen umzugehen, ihr in Situationen von tiefster Verunsicherung die SIcherheit zu bieten, die sie so dringend braucht, es nicht persönlich nehmen, wenn sie mir in ihrer Verzweiflung das Gesicht zerkratzt, sie so gut als möglich verstehen, obwohl sie keine verbale Sprache hat, all das, werte Welt, das kann man nicht einfach so. Eine professionelle Haltung entwickeln, kommunikative Grundlagen verstehen, Entwicklungen konstruktiv begleiten, psychische Verfassungen richtig deuten lernen, all das sind Bestandteile einer fundierten Ausbildung, um nur einige zu nennen. Es hat schon einen Grund, warum es diverse Ausbildungen gibt, die einen befähigen sollen, den anspruchsvollen und verantwortungsreichen Alltag in der Behindertenhilfe möglichst kompetent bewältigen zu können.
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  • Nein, es ist definitiv NICHT sinnvoll, „niedere“ Aufgaben wie die Körperpflege der betreuten Menschen oder das gemeinsame Essen, das gemeinsame Kochen, das gemeinsame Putzen, die gemeinsamen Ausfküge etc. irgendwelchen unausgebildeten Mitarbeitenden zu überlassen, während die „teuren“ SozialpädagogInnen „anspruchsvolleren“ Aufgaben wie „Förderplanung“, das Setzen pädagogischer Schwerpunkte und Zielen also, sowie „Journalführung“, die Dokumentation des Alltags der Betreuten also, oder gar „Personalführung“, das Managen des Teams, frönen sollen. Aus folgenden Gründen:
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    Stell dir mal vor, lieber Leser oder liebe Leserin, du hast eine klangvolle Behinderung. Vielleicht kannst du nicht gehen, du hast wenig verbale Sprache, um dich zu verständigen, du verstehst auch nicht alles, was andere Menschen so zu dir sagen, und du brauchst aufgrund deiner körperlichen Verfassung Hilfe, um aufs Klo zu gehen. Weil die Sozialpädagogen im Team zu teuer sind, um niedrige Arbeiten wie dich zu waschen und zu wickeln zu verrichten, macht das eine günstige Praktikantin, deine „Klofrau“, quasi. Sie war vorher Schreinerin, will sich umorientieren und hat gehört, in der Betreuung gäbe es massenhaft Jobs. Sie ekelt sich  sehr vor deinen Exkrementen und zeigt das auch deutlich, aber sie macht es halt, das gehöre hier dazu, hat es geheissen. Schliesslich hat ihr eine andere Mitarbeiterin gezeigt, wie man die WIndeln am besten auszieht und neue anbringt. Sie sagt nicht, was sie mit dir macht, sie macht einfach, weil sie denkt, du verstehst sie sowieso nicht, sie dagegen versteht dich nicht, wenn du ihr sagen möchtest, dass sie viel zu fest anzieht, und sie schnauzt dich an, wenn du deine Hand in die Exkremente steckst. Du kennst diese Frau nur vom Wickeln, sie ist deine „Klofrau“, nicht mehr. Entsprechend versteht sie dich überaupt nicht, da kannst du dich noch so deutlich mit deiner Mimik äussern. Sie weiss nicht, was du lustig findest, sie weiss nicht, wie du dich entspannen kann, sie weiss nicht, welche Musik du gerne hörst, sie weiss überhaupt nichts über dich, ausser, dass du gerne deine Hände in deine Exkremente steckst, was sie enorm mühsam findet. Während du gewickelt wirst, verfasst die ausgebildete Sozialpädagogin einen Bericht mit beeindruckend vielen Fremdwörtern über dein nächstes Lernziel, du sollst eine breitere Palette von Esswaren akzeptieren lernen, schreibt sie da, ohne dass sie je mit dir eine Mahlzeit eingenommen hat, weil, so Essen einstossen kann ja auch der Zivi, der zwar Biologie studiert und vorher noch nie einem Menschen Essen in den Mund gesteckt hat, aber schliesslich schon mal im Fernsehen gesehen hat, wie das eine Mutter mit ihrem Kleinkind macht. Der Löffel rammt sich ohne Ankündigung in deinen Mund, du weisst nie, was drauf ist, und die Portionen sind viel zu gross, was dich zum husten und speien bringt, was der Zivi gar nicht lustig findet.
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    Ich könnte noch ewig so weiterfahren. Bitte versteht mich nicht falsch: Nicht jede unausgebildete Mitarbeiterin, nicht jeder unausgebildete Mitarbeiter macht einfach alles falsch. Einige machen ihre Arbeit vorzüglich, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht auf MitarbeiterInnen mit einer guten Ausbildung und Erfahrung angewiesen sind, die ihnen Hintergründe und  Grundsätze weitergeben können. Und klar, ich habe auch SozialpädagogInnen erlebt, die sich wie die geschilderte Praktikantin aufführen – oder schlimmer.
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  • Gerade alle Betreuungsaufgaben rund um die Grundbedürfnisse von Menschen, essen, schlafen, WC-Gang, Körperpflege etc. sind verdammt noch mal keine „niederen“, sprich „simplen“ Aufgaben. Nein, im Gegenteil!! Gerade in der Erfüllung dieser existentiellen Bedürfnissen kommt es in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oft zu sehr anspruchsvollen Situationen, vor allem, wenn die Kommunikation stark erschwert ist. Wenn man einander nicht versteht, kann es sehr schnell sehr schwierig werden, wenn es um so zentrale und persönliche Dinge geht wie Intimpflege, essen wollen (oder müssen), schlafen wollen oder müssen etc. Wenn du dir kurz vorstellst, dass über dich hinweg bestimmt wird, wann du was essen musst oder darfst, dass du von ständig anderen wildfremden Menschen im Intimbereich gewaschen wirst, dass festgelegt wird, wann du gefälligst im Bett sein musst und Ruhe geben sollst – so gegen 19 Uhr, beispielsweise, damit die Betreuenden dann Feierabend machen können: Erkennst du, dass diese Themen viel Konfliktpotential mit sich bringen?
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  • Die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen kann extrem bereichernd, aber auch extrem anstrengend sein. Es gibt viele Menschen, die haben nicht einfach so eine klassische geistige Behinderung, wie man sie aus klischeehaften Filmen kennt. Häufig kommen noch ganz viele andere Sachen dazu. Es ist im Übrigen auch nicht so, dass Menschen mit einer Behinderung immer so glücklich und zufrieden sind. Jeder Mensch hat so seine Launen, auch Menschen mit Behinderungen – ich weiss, es ist schon ziemlich bescheuert, auf sowas hinzuweisen, und doch scheinen das diverse Mitmenschen nicht  verstanden zu haben. Es gibt im Behindertenbereich zudem viele Menschen, die zusätzlich an einer psychischen Krankheit leiden. Es gibt viele, die zusätzlich diverse körperliche Einschränkungen haben. Es gibt Menschen, die sich in Stresssituationen selber massiv verletzen, es gibt Menschen, die andere, also auch die Betreuenden, in emotionalen Notsituationen körperlich angreifen. Das alles ist durchaus so hochkomplex wie in anderen Bereichen der sozialen Arbeit. Es ist nicht „einfacher“, in der Behindertenhilfe zu arbeiten als im Suchtbereich, einfach anders.
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Ich könnte jetzt noch seitenlang weiter argumentieren und Beispiele machen, aber ich schliesse jetzt hier mal ab. Mein grösstes Anliegen ist, dass jede und jeder, der oder die das liest, sich mal eine halbe Minuten vorstellt, wie es sich wohl anfühlt, selber mit einer komplexen Behinderung zu leben. Das alleine genügt oft, um den eigenen Standpunkt noch mal zu überdenken. Und wer mir dann immer noch nicht glaubt, der soll mal eine Weile in der Behindertenhilfe tätig sein, und danach können wir dann wieder zusammen übers Füdli putzen reden.

P.S.: Dieser Text spiegelt meine persönlichen Erfahrungen wider, darum fällt das Wort FH so oft, aber ich möchte keinenfalls den Eindruck erwecken, dass ich nur einen Bachlor in Sozialer Arbeit für eine „gute Ausbildung“ halte. Es gibt diverse andere Ausbildungen wie FABE, FAGE, oder aber andere sozialpädagogischen Ausbildungsstätten wie Sozpäd HF etc., die ebenfalls eine solide Grundlage für die Arbeit in der Betreuung bieten.