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Kassiopeja und die Elefanten, Teil 4.

Die Kindergeschichte, die ich letzten Sommer in der Klinik angefangen habe, geht in die nächste Runde! Hier gehts zu Teil 1, Teil 2 oder Teil 3.

„Es verstrich viel, sehr viel Zeit. In Kassiopejas Zeitrechnung eine kleine Ewigkeit. Es wurde Sommer, es wurde Herbst, es wurde Winter, und es wurde Frühling. Dann schliesslich, eines sonnigen Tages, als Kassiopeja gerade mit ihrer Mama die Karotten im Garten erdünnerte, stand ein grosser, kräftiger Mann im Anzug und Kravatte mit einem schwarzen Aktenkoffer vor dem kleinen Haus und stellte sich als Herr Oberelefant vor. Kassiopeja war von dem strengen Blick und den polierten Schuhen ebenso eingeschüchtert wie von der bulligen Gestalt des Fremden.

Ob sie diese Kassiopeja sei, fragte er das Mädchen in barschem Ton. Kassiopeja druckste herum und starrte auf den Boden, bis ihr die Mama einen kleinen Schubs verpasste. „Ja, die bin ich“, murmelte sie schliesslich, ohne dem furchteinflössenden Herrn in die Augen zu sehen. Am liebsten hätte sich Kassiopeja hinter ihrer Mama versteckt, aber für so etwas fühlte sie sich dann doch zu gross. „Du willst einen Elefanten als Haustier? Wie stellst du dir das vor?“ Der Herr Oberelefant schien von ihrer Idee nicht gerade begeistert. Kassiopeja hatte das Gefühl, unter dem durchdringenden Blick des gestrengen Herrn zu schrumpfen. In ihrer Vorstellung war alles so schön und so einfach gewesen: Sie schrieb einen Brief, der Herr Oberelefant kam vorbei und brachte ihr einen kleinen Elefanten, der Elefant war überglücklich,bei Kassiopeja zu sein und sie wurden ein unzertrennliches Paar. Kassiopeja hatte sich vor ihrem inneren Auge mit einem kleinen Elefanten sorglos herumtollen, auf den grünen Wiesen Fangen spielen, im Wald verstecken spielen sehen. Warum war in der Wirklichkeit immer alles so kompliziert und  schwierig?

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und entgegnete: „Ich bin sicher, ich könnte gut zu einem Elefanten schauen. Ich habe viele Bücher über Elefanten gelesen, und ich würde mich gut um ihn kümmern. Wir würden jeden Tag zusammen spielen gehen, Wettrennen machen, spazieren, im See baden…“ Kassiopeja kam in Fahrt und vergass dabei fast ihr Unbehagen dem strengen Mann gegenüber. „Elefanten sind keine Haustiere, Kassiopeja.“ Der Herr Oberelefant sah das Mädchen durchdringend an. „Elefanten sind freie, wilde Tiere. Wenn du ein Haustier möchtest, schaff dir einen Hund oder eine Katze an, und wenn du einen Spielgefährten suchst, spiel mit anderen Menschenkindern.“

Kassiopeja schluckte. Das klang ziemlich endgültig. „Aber… “ Sie verstummte. Was wollte sie dazu auch sagen? „Ich will doch kein Haustier, das mir einen Stock bringt, wenn ich ihn werfe, und ich mag Menschenkinder nicht besonders. Ich möchte einen Freund, einen Elefanten-Freund. Ich könnte ihm viel beibringen und er mir auch!“

Der Herr Oberelefant sah nachdenklich aus. „Einen Freund… Wenn du das so meinst, Kassiopeja, sieht das etwas anders aus. Elefanten sind weise und unabhängig, und bestimmt nicht geeignet, um sie als Eigentum oder Spielzeug anzusehen. Ein Elefant ist dem Menschen ebenbürtig. Wenn du dir einen Freund auf Augenhöhe wünschst, der dir seine Welt näher bringt und dem du deine zeigen kannst, kann ich nichts dagegen haben. Bedenke jedoch: Eine echte Freundschaft beruht nicht nur auf Respekt, sondern auch auf Toleranz. Ein Elefant wird nie sein wie du, und du wirst nie sein wie er. Das musst du akzeptieren können.“ Kassiopeja sah dem Mann nun ohne Scheu direkt in die Augen. Sie hatte nicht ganz alles verstanden, der Mann benutzte komplizierte Wörter. Sie hatte jedoch verstanden, dass es darum ging, dass sie den Elefanten als ihr gleichgestellt ansehen musste, und dass sie nicht von ihm erwarten durfte, dass er sich wie ein Mensch benimmt. Sie nickte stumm. Der Herr Oberelefant streckte ihr die Hand hin und schüttelte sie. „Du bist ein besonderes Menschenkind. Dein Weg wird dich weit führen.“ Dann drehte er sich um und verschwand, so schnell, wie er erschienen war.

Kassiopeja blieb staunend zurück und rieb sich ein paar Mal die Augen. Hatte sie nur geträumt? Sie drehte sich um und sah ihre Mama an. In deren Augen lag ein besonderer Glanz. Sie lächelte Kassiopeja geheimnisvoll an, tätschelte abwesend ihren Arm und ging dann zurück zur Gartenarbeit.“

Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

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