Lebenslage

Geisteskranke Hirnfürze.

Lieber Kanton Solothurn

Es ist mir bewusst, dass die folgenden terminologischen Entgleisungen nicht alleine auf deinem Mist gewachsen sind – der Quervergleich mit anderen Kantonen zeigt, dass du dich in eine lange Tradition von helvetischer Diskriminierung einreihst. Leben wir schliesslich in einem Land, das arbeitsunfähige Menschen auch im Jahr 2013 als „Invalide“, also als „Wertlose“ bezeichnet.
Wie dem auch sei: Als ich auf deiner Homepage der Motorfahrzeugkontrolle Solothurn das Formular für den Antrag des Lernfahrausweis (dieses Jahr werde ich den verdammten Führerschein endlich machen, ich schwöre!), wurde mir doch kurz anders: „Litten Sie je an einer Geisteskrankheit?“
Lieber Kanton Solothurn, natürlich bin ich als Sozialpädagogin, die während der Ausbildung nicht mal von „Furz“, sondern von „Flatulenz“ sprach, um die Fürze dieser Welt mit diesem Begriff, der durchaus eine negative Konnotation provoziert, nicht zu stigmatisieren, besonders sensibilisiert auf Terminologien, die ganz offensichtlich politisch nicht korrekt sind. Ich habe eine Ausbildung in einer Disziplin, welche terminologische Ausgeburten wie „Verhaltensoriginalität“ anstelle von „sozialer Auffälligkeit“ zu verantworten hat, eine Disziplin, deren Dozenten beim Begriff „Ausländer“ erschauerten („Migranten!!“) oder in der eine ungenügende Note dem Frevler auf sicher war, der von „Behinderung“ sprach. Ja, ich bin ein Sozi, übersensibel und überzeugt vom Zusammenhang von Terminologie und Stigmatisierung – es hat Gründe, warum z.B. im Bereich Rassismus gewisse Begrifflichkeiten straffällig sind, verdammt! Und nein, es spielt nicht „keine Rolle, wie man das nennt“, auch wenn ich nicht so weit gehe, für jeden x-beliebigen Begriff nur noch Euphemismen verwenden zu wollen.
Aber, mein werter Kanton Solothurn, Geisteskrankheit?! Der Satz „der ist doch geisteskrank“ ist umgangssprachlich verbreitet, was aber bitteschön hat dieser Ausdruck auf einem offiziellen Formular zu suchen?! Wie der Kontext ersichtlich macht, meinst du mit „geisteskrank“ offenbar „psychisch krank“ – warum genau steht das nicht einfach so da? Wie stellst du dir genau einen kranken Geist vor? Casper mit Schnupfen?! Du sprichst auch von „Gemütskranken“ – deinem Gemüt scheint es auch nicht gerade gut zu gehen. Warum sprichst du nicht einfach von psychischer Krankheit? Beziehungsweise, warum nur „geisteskrank“ und nicht „irre“, „durchgeknallt“, „wahnsinnig“ oder, wenn du schon auf Geister stehst, „von allen guten Geistern verlassen“?…
Lieber Kanton Solothurn, du wirst deine grenzwertigen Begrifflichkeiten aufgrund dieses Artikels nicht anpassen. Ich werde das Formular irgendwann ausdrucken und mein Kreuz bei „geisteskrank“ setzen, und dabei folgendes denken:
„Fick dich mal geistig ins Knie!!“
Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

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4 Kommentare

  • Antworten
    Sille
    21. Januar 2013 bei 21:26

    Eine schöne terminologische Entgleisung, die denen da passiert ist. Obwohl ein bisschen tragisch, habe ich doch laut gelacht, bei Deinen Wunderbaren Formulierungen… Wenn Du dass Formular abgibst, solltest Du vielleicht „verhaltensoriginell“ (das ist echt ein tolles Wort), mit einem Sommerreifen um den Hals (die gibt es ja gerade im Winter unglaublich günstig 😉 ) in deren Büro auftauchen und demonstrativ darauf aufmerksam mochen, wo Du das Häkchen gesetzt hast….
    Es schmunzelt immer noch ein bisschen (man muss sowas mit Humor nehmen)
    Sille

    • Antworten
      aenni
      23. Januar 2013 bei 19:49

      Ja, ohne Humor kommt man schlecht durchs Leben. Ich habe mich ernsthaft über das Formular geärgert, aber ganz ernst gemeint ist mein gebloggter Protest natürlich nicht. Verhaltensoriginell bin ich sowieso, ich glaube, da muss ich nicht mal einen Pneu um den Hals tragen, damit das offensichtlich ist….
      Liebe Grüsse,
      Änni

  • Antworten
    Lavendelkinder
    21. Januar 2013 bei 22:43

    Habe da heute eine schöne Sache gelernt von meiner kleinen Tochter.
    Man hält Zeige- und Mittelfinger zum Peacezeichen erhoben seinem Widerpart unter die Nase. Dann knickt man den Zeigefinger weg. Übrig bleibt…na? Richtig, der Mittelfinger. Dazu kommt der hübsche Spruch:
    „Ehhh, erst mal peace, dann knick dich, dann fick dich!“
    Wäre das nicht was für den nächsten Amtsbesuch? Oder ist das doch zu derb? Nein, für Geisteskranke genau richtig. Ich freue mich schon, wenn ich das mal passend anbringen kann.
    Liebe Grüße von Ghostbuster Britta

    • Antworten
      aenni
      23. Januar 2013 bei 19:52

      Ein hübscher Spruch, der sich auch noch reimt, was meiner Reim-Neurose sehr entgegenkommt… Ich will es mir mit den braven Beamten aber nicht zu sehr verderben, muss ich doch schon so ein Arztzeugnis auftreiben, dass ich durchaus in der Lage bin, mich in der Öffentlichkeit bzw. im Strassenverkehr adäquat zu benehmen…
      Angepasste Grüsse,
      Änni

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