Lebenslage/ Mobilität

Die Busfahrer von Olten – Ein Hohelied.

Getwittert habe ich schon eine Menge über sie, die markigen Typen, welche mich tagein, tagaus von Winzighausen nach Olten und wieder retour bringen. Doch es ist an der Zeit, ihnen endlich die epische Länge eines Ännschen Blogartikels zu widmen, ihnen das Scheinwerferlicht zuzugestehen, das ihnen gebührt, den Helden meines Alltags, dieser eigenen Spezies: Den Buschauffeuren von Olten. Sie heben sich deutlich von ihren Berufskollegen ab, die ihre Arbeit in anderen Städten und Gegenden verrichten, sie haben mit den Busfahrern von Bern, Zürich oder Luzern wenig gemein, auch nicht mit denen in Solothurn oder Biel, nicht mal mit denen in Aarau oder Brugg, und auch nicht mit denen in Langnau oder Eriswil, höchstens, dass sie wie diese einen Bus fahren. Die Oltener Buschauffeure, die sind aus anderem Holz. Um in Olten einen Job als Busfahrer zu erhalten, der muss eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Eigenschaften aufweisen, Eigenschaften, die für den selben Job im Rest des Landes überflüssig oder gar unerwünscht wären. Buschauffeure in Olten, die bringen folgendes mit:

1) Eine unverwüstliche Überzeugung, dass jeder Fahrgast persönlich begrüsst und verabschiedet werden soll, die, gepaart mit einer ausgesprochenen Hartnäckigkeit in der Erwartungshaltung, dass dieser Gruss bzw. Verabschiedung gefälligst erwidert werden soll, noch jeden Fahrgast längerfristig in die Knie, bzw. zum Grüssen und Verabschieden gezwungen hat. Im konkreten Pendleralltag kann sich das so auswirken, dass selbst ein Fahrgast, der bei der hintersten Bustüre einsteigt, ein launisches „Guten Morgen!!“ quer durch den ganzen Bus zugebrüllt bekommt, mit der mitschwingenden Botschaft „Wehe, du brüllst nicht zurück!!“.

2) Die übergeordnete Gewissheit, dass zum Beruf des Busfahrers ein gewisser Erziehungsauftrag dazu gehört. Nicht nur, was das Grüssen betrifft, nein, Fahrgäste werden aufgefordert, nicht zu viele Energydrinks zu sich zu nehmen, weil es doch eine Studie gebe, dass sowas ADHS auslöse; Hinweise, man sollte vielleicht mal früher ins Bett, weil man ja kaum aus den Augen sähe; Ratschläge zur Pendlerlektüre (dieses Gratisblatt enthalte doch eh nur Mist); Empfehlungen zum TV-Programm (da gebe es doch heute eine spannende Folge von Galileo) wie auch schon fast sozialpädagogisch anmutende Durchsagen wie „also, ich sag jetzt mal so, wir alle haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder, ihr steht jetzt einen Schritt von den Türen weg, die Türen können schliessen und wir abfahren – oder aber, ihr bleibt so stehen und wir verbringen einen spannenden gemeinsamen Abend an dieser hübschen Haltestelle. Es ist eure Entscheidung…“

3) Einen Hang zur modischen Entgleisung. 70er-Jahre-Brillen, einen leicht ergrauten Vokuhila, eine zottelige Schaf-Dauerwelle (getragen von einem korpulenten Mitte-50er), monströse Piercings, volltätowierte Unterarme: All dies scheint eine Bedingung zu sein, will man in Olten, dem grauen Kaff mit dem latenten Rotlichtmilieu-Image, einen Bus fahren.

4) Einen Hang zum übermässigen Tabakkonsum. Während ein Grossteil der Buschauffeure in Olten zum Kettenrauchen von Zigaretten neigt, gibt es auch einige ältere Semester, die die ominösen stinkenden „Stumpen“ pafft, jedoch nicht in weniger süchtigem Ausmass als die Zigaretten-Fraktion. Diese gelebte Liebe zum Tabak kann schon mal dazu führen, dass der brennende Stumpen auf den Scheinwerfer abgelegt wird, um Fahrgästen kurz ein paar Billete auszustellen, um danach genüsslich weiterzupaffen.

5) Den gelebten Grundsatz „my bus is my castle“. Der Buschauffeur in Olten ist Herrscher über seinen Bus, in ihm bestimmt er die Regeln und Grenzen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Busfahrer, der, während ohrenbetäubende Heavy-Metal-Klänge aus dem Lautsprecher dröhnen, mit brennender Kippe im Mundwinkel im Fahrersessel thronend seine Billette ausgibt, während er grossmütig der angetrunkenen Jugendlichen mit lila Haaren erlaubt, ihr Bier mit in den Bus zu nehmen.

6) Eine ausgeprägte Grossmut, Geduld und Hilfsbereitschaft. Von den 467 Mal, in denen ich, seit wir hier wohnen, zu spät mit nassen Haaren, offener Jacke, den eigentlich in die Hosen gehörenden Gurt in der einen, einen angegessenen Yoghurtbecher samt Löffeli in der anderen Hand durch das Dorf auf den abfahrtbereiten Bus zu sprintete, haben die betreffenden Busfahrer 467 Mal mit einem vielsagenden Grinsen auf mich gewartet. Ich schwöre!

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Ja, sie sind eigen, ja, sie sind teilweise echt schräg, ja, sie können penetrant wirken, aber: Ein Hohelied auf diese kauzigen Typen, die mit stählernen Nerven, mit einer unbeirrbaren Direktheit und einer überraschenden Herzlichkeit ihren Job ausüben, und das in einem Kaff, in dem man das zuletzt erwarten würde.

Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

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1 Kommentar

  • Antworten
    Kurz gefasst im Oktober 2013 | Mama hat jetzt keine Zeit
    27. September 2014 bei 20:50

    […] Sehr oft liest man Beschwerden über die Fahrerundinnen öffentlicher Verkehrsmittel. Nicht bei Änni, sie singt ein Loblied auf die Busfahrer ihrer Heimatstadt: Die Busfahrer von Olten. […]

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