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Das Tennisball-Prinzip.

Das mit der Zufriedenheit ist ja so eine Sache. Ich habe keine wirklich passende Studie zu dem Thema gefunden, somit kann ich nur von mir erzählen. Bei mir funktioniert das mit der Zufriedenheit nach dem Tennisball-Prinzip. Nein, hat nix mit Tennis zu tun, Tennis hatte in meinem Fall noch selten mit Zufriedenheit zu tun, ich bin die, die nie einen Ball mit dem Schläger getroffen hat, damit aber nicht unbedingt unzufrieden war, die nach 2 Sekunden Tennis am TV ins Langweil-Koma fällt und die erst vor ein paar Wochen erfahren hat, dass Stanislas Wawrinka Tennisspieler und darüber hinaus auch noch Schweizer ist. Das Tennisball-Prinzip verdankt seinen Namen also nicht dem Tennis, sondern, wer hätte das gedacht, dem Tennisball. So, und jetzt dürft ihr mal aktiv mitdenken: Was tun Tennisbälle, die man auf den Boden schmeisst, normalerweise so?

Richtig, werte Leserschaft, vorausgesetzt, der Boden ist flach und hart und der Ball wird mit einer gewissen Leidenschaft zu Boden geschmettert, springt er nach den Aufprall wieder hoch. Wie hoch genau hängt natürlich von der Schmetter-Höhe, wie der korrekte physikalische Terminus lautet, wie auch der erwähnten Intensivität der Schmetter-Leidenschaft, auch dies der gängige physikalische Fachbegriff, ab; Wie auch immer, das Tennisball-Prinzip, liebe Naturwissenschafts-Begeisterte, bedeutet also: Ball wird auf den Boden geschmettert und springt danach von selbst wieder hoch. Soweit klar? Egal.

Kommen wir also zu dem Zusammenhang (aber sicher, den gibts!) dieses Prinzips mit dem eingangs erwähnten subjektiven Zufriedenheitsempfinden. Meinem Zufriedenheitsempfinden, versteht sich, da breiter abgestützte Daten nun mal nicht zur Verfügung stehen. Dieses Empfinden also, das hängt davon ab, welche Krisen mir das Leben gerade so aufdrückt. Bei massiven Krisen, analog zu einer wirklich hohen Schmetter-Leidenschaft, knalle ich erstmals unschön hart zu Boden, worauf metaphorisch gesprochen Blut fliesst, Knochen brechen und die Hirnmasse unkontrolliert herumspritzt, was meinen eh schon beeindruckenden Dachschaden nicht gerade schmälert, worauf ich aber, sobald die Orientierung, wo denn eigentlich oben und wo unten und wo ich als metaphernder Tennisball gerade so rumfliege, wie auch eben dieser Ball, einen grossen Höhenflug hinlege, was mein aktuelles Zufriedenheitsempfinden betrifft. Eine massive Lebenskrise also, die mich zedeppert und zu Boden wirft, zieht nach der ersten Genesungsphase eine hohe Zufriedenheit mit sich, und zwar, weil mir mal wieder so richtig klargemacht wurde, wie fragil ich als Tennisball so unterwegs bin, wie nah an einem Totalschaden diese letzte Schmetter-Episode vorbei ging und wie verdammt dankbar ich sein muss, dass ich die Schmetter-Einheit überlebt habe; Wie glücklich ich mich zu schätzen habe für all die guten Dinge in meinem Leben, für all die Möglichkeiten, die mir trotz lädiertem Dachstock noch offen stehen, für all die glücklichen Momente, die ein abgewetzter Tenisball wie ich erleben darf, und so weiter und so fort. Dieser Zufriedenheits-Schub, dieser Einklang mit mir und meinem Leben nimmt aber, je länger der Höheflug dauert, unweigerlich ab, gleichsam der Geschwindigkeit, die der Ball verliert, je länger er hochhüpft. Da tauchen plötzlich wieder Träume auf, die ich längst begraben glaubte, es tauchen Wünsche auf, von denen ich weiss, dass ich sie eigentlich nicht erfüllt bekommen kann, es kehrt der Vergleichmechanismus wieder, der wenig sinnvoll ist, aber nun mal existiert: Andere Menschen können dieses und jenes, andere Menschen leben so und so, für andere Menschen ist dieses Ziel erreichbar, andere Menschen haben mehr Möglichkeiten, weitere Grenzen, sind stärker, robuster, erfolgreicher.

Unzufriedenheit ist mühsam, sie ist destruktiv, sie schmälert die Lebensfreude, und in meinem Fall weckt sie auf der Metaebene abergläubische Ängste: Muss mich wirklich bald ein erneuter Schmetterschlag zu Boden knallen, damit ich mir meiner Grenzen wieder schmerzlich bewusst werde, damit ich wieder realisiere, welch ein Glück ich habe, wie zufrieden ich gefälligst zu sein habe? Oder: Geht es mir zu gut? Werde ich überheblich, werde ich vermessen? Provoziere ich mit meiner Hybris den nächsten wuchtigen Schlag auf meinen Hinterkopf?

Ich hoffe es nicht. Und versuche, meine Unzufriedenheit zu verdrängen, mich auf mein Glück zu besinnen, wieder bescheidener zu werden.

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2 Kommentare

  • Antworten
    B.baxter
    17. Februar 2014 bei 19:15

    Ach Aenni, ich streichle liebevoll über den lädierten Dachstock und verneige mich vor dem abgewtzten Tennisball. Mit Hochachtung , B. Baxter

  • Antworten
    Änni
    17. Februar 2014 bei 19:58

    Doing, doing, doing. Danke!

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