Lebenslage

Änni beim Dermatologen

Das war keine leere Drohung. Hier kommt er, mein Erlebnisbericht. In allen ekligen Farben. Wer das liest, ist selber Schuld. Versprochen.

Es gibt Dinge im Leben, die fangen so vielversprechend an, dass man sofort weiss: Das wird ein Knüller. Davon werde ich meinen Enkeln erzählen (wenn sie noch nicht davonlaufen können, versteht sich). Das ist fast zu gut, um wahr zu sein.

Der Besuch beim Dermatologen, meine Kinder – sorry, ich find die Vorstellung eines Publikums von kleinen Kindern, die sich nicht wehren können, einfach genial (siehe auch: „warum ich Sozialpädagogin wurde„)… Jedenfalls, der Besuch beim Dermatologen, das war eines jener Erlebnisse. Zu gut, um es nicht mit der Welt zu teilen.

Es mag ja Menschen geben, die sich an dieser Stelle (was, es gibt echt Menschen, die bis da weitergelesen haben?? Abartige Freaks.) fragen, welcher eklige Grund denn bitte schön ÜBERHAUPT hinter einem Termin beim Dermatologen stehen mag… Nein, KEINE Geschlechtskrankheit. Ich habe Ekzeme. An den HÄNDEN!! Ja, das ist eklig. Wie eklig genau, wurde mir auch erst bewusst, als mich die Kinder mit geistiger Behinderung bei der Arbeit drauf ansprachen. Ok, ich muss was unternehmen, sagte ich mit an diesem Tiefpunkt meines Lebens.

Also. Zurück zum Thema. Nach sorgfältigem Zufallsprinzip suchte ich mir einen Dermatologen mit klingendem Namen aus dem Telefonbuch aus. Das Telefonat mit ihm war so absurd, dass ich beschloss, diese Begegnung möchte ich aus soziologischem Interesse nicht entgehen lassen. Auszug gefällig? Nein? Voilà:

„Guten Tag. Ich habe Ekzeme an den Händen und möchte einen Termin.“
„Ja gäu, da haben wir den Salat!“
„Hä?!“
„Da haben wir den Salat!“
„Äh… Ja. Also ich brauche eine Salbe.“
„Ja welche denn?“
„Wie?!“
„Ja wie heisst denn die Salbe?“
„… Also das weiss ich doch nicht. Eine Salbe gegen Ekzeme halt!“
„Aha…“

Warum ich da überhaupt hinging?! Wie gesagt, soziologisches Interesse.

Ok, ich bin halt Sozialpädagogin. Zufrieden??

(by the way: Das Gespräch ist echt und fand nicht mit einer Praxisassistentin statt, sondern mit dem grossen Meister himself. Nur, um mal wieder ALLE Berufs-Klischees zu bedienen.)

Also, zurück zum Thema.

Tag X, ich streifte orientierungslos und verwirrt durch Olten. Wo ist da der Gag? Genau, HEUTE suchte ich einen Dermatologen – in einer Gegend, die aussah, wie… Olten eben. *schüttel* Dann, zwischen der „Rodeo-Bar“ und einem „Imbiss“, dessen ganze Ästhetik „LEBENSMITTELVERGIFTUNG, GÜNSTIG WIE NOCH NIE!!“ schreit, fand ich schliesslich das vertrauenserweckende Schild.

Was mich hinter dieser Türe erwartete, dazu fehlen selbst mir die Worte. Ich – nein, am besten, ich poste ein paar Fotos.

 

Das Interieur

Das Interieur

 

Der "Aktenschrank" in Nahaufnahme.

Der "Aktenschrank" in Nahaufnahme.

Der Blick aus dem dreckigen Fenster.

Der Blick aus dem dreckigen Fenster. Wobei, die Menge Müll sprengte das Fassungsvermögen meiner Handykamera.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während der Stunde, in der ich im „Behandlungszimmer“ sass und auf den Dermatologen wartete, belauschte ich allerlei sonderbare Gespräche, wobei ich mir immer wieder sagte, dass ich ja jobbedingt keine Berührungsängste mit geistig verwirrten oder dementen Menschen mehr haben sollte. Leider konnten mich all die akustischen Absonderlichkeiten nicht genügend ablenken, und so begann ich, mir den Schreibtisch dieses „Arztes“ genauer anzusehen. Ein Fehler, fürwahr.

Die Tastatur des Grauens.

Die Tastatur des Grauens.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Monitor des Grauens.

Der Monitor des Grauens.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stilvoll bis zum Erbrechen.

Stilvoll bis zum Erbrechen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schliesslich kam die Praxisassistentin und sagte, ich müsse mich jetzt ausziehen. WHAT?!

„Aber ich bin doch nur wegen meiner Hände da!“

„Das spielt keine Rolle. Sie sind zum ersten Mal da und für eine genaue Diagnose muss der Arzt alles sehen.“

„Aber ich hab schon eine Diagnose! Ich war schon mal bei einem Hautarzt, ich hab Neurodermitis und ich brauche einfach eine Salbe!“

„Hat dieser „Hautarzt“ [Verachtung schwingt mit, Anm. der Redaktion] eine Probe genommen? Hat er Ihren ganzen Körper untersucht?“

„Äh… Nein. Aber…!!“

Wie soll ich sagen. Ich bin einfach zu gut erzogen worden. Wenn mir jemand sagt, ich müsse mich jetzt ausziehen, ziehe ich mich aus. Oder so.

(Im Fall, die war richtig einschüchternd! Bestimmt 1m 45, vielleicht 40 kg und einen furchterregenden Akzent hatte sie auch noch!)

Bitte nicht. Nein, bitte nicht. NEIN!

Bitte nicht. Nein, bitte nicht. NEIN!

 

Als ich da so halbnackt rumsass, ging plötzlich die Tür auf. Ein schielender, alter dementer Mann mit verschwollenem Gesicht schaute rein und brabbelte etwas unverständliches. Die Praxisassistentin schickte ihn mit beruhigenden Worten in einer fremden Sprache wieder raus. Ich atmete auf. Vielleicht war ja ein Altersheim im selben Haus oder so. Ich mag nicht von dementen Menschen beglotzt werden, aber ich finde ja, Integration von alten Menschen ist ein lobenswerter Ansatz.

Die Praxisassistentin verschwand. Plötzlich geht die Tür wieder auf. Der verwirrte Greis kommt wieder. Ich fühle mich hilflos, ich sprech ja nicht mal seine Sprache. „Ja gäu, Dir heit aber vieli Muetermau.“ Ah, er spricht doch meine Sprache. Ich will gerade nett, aber bestimmt sagen, er solle doch auf seine Abteilung zurück. Da schüttelt mir der Opa die Hand und – ja, es war der Dermatologe. Definitiv. Meine Nerven…

„Aso gäu, das chönnt es Melanom si. Sone Schissi. Ja, aso weisch, das hani müesse lehre, wi di Melanom usgseh. Hani müesse lehre…“

Hilfe!!!

Hier sitze ich, zu Hause, zitternd, mit dem dritten Kaffee. Ich fühle mich schmutzig – NATÜRLICH habe ich geduscht (vor dem Termin übrigens auch – das hätte ich mir allerdings sparen können…), ich fühle mich, als wäre ich beim Dermatologen (mein neues Lieblingsschimpfwort!) gewesen. Ich bin traumatisiert, verstört – und nein, ich habe keinen Hautkrebs. Ich habe einen Ausschlag an den Händen und dachte bis heute, der sei eklig.

EKLIG IST WAS ANDERES!!!

Möglicherweise interessiert dich auch:

2 Kommentare

  • Antworten
    Sandra
    10. Oktober 2013 bei 17:57

    Also passiert nicht nur mir sowas,… Danke!

    • Antworten
      Änni
      10. Oktober 2013 bei 19:22

      Da hast du aber tief in meinem Archiv gewühlt! Ha. Dieses verstörende Ereignis hatte ich schon lange wieder verdrängt… *schüttel* ich hoffe für dich, dass auch du inzwischen ebenfalls eine halbwegs seriöse Praxis gefunden hast!

    Hinterlasse einen Kommentar