Lebenslage

Ännis 1.-August-Rede.

Liebe Mitschweizerinnen, liebe Mitschweizer, liebe Mit-Schweiz-Bewohnerinnen, liebe Mit-Schweiz-Bewohner,

Holldrio, die Schweiz feiert Geburtstag! Nein, ich mag jetzt nicht auf den Chrütli-Schwur eingehen, ein paar Zeilen „Willhelm Tell“ zitieren (geschrieben ausgerechnet von einem Ausländer!!) oder von Winkelried schwärmen. Ich widme mich ausschliesslich der Frage, was das eigentlich soll mit diesem Nationalstolz und Patriotismus.

„Ich bin stolz, ein Schweizer zu sein“ – diesen Spruch nahm ich erstmals im Jugendalter wirklich wahr. Schon damals fragte ich mich: Worauf genau bist du stolz?! Stolz kann man meiner Ansicht nach auf eine Leistung sein, auf etwas, das man erreicht hat. Stolz kann man vielleicht auch auf seine Kinder sein, auf etwas, das diese erreicht haben, weil man dazu beigetragen hat, dass sie diese Leistungen erreichen konnten. Kann man aber stolz auf die Leistungen irgendwelcher Vorfahren sein, die vor mehreren hundert Jahren irgendwas geleistet haben? Kann man stolz sein auf die Tatsache, dass man in einem Land lebt, das ein hohes Level an Sicherheit und Wohlstand bietet? Was hat man denn zu dieser Tatsache beigetragen?

Ich persönlich habe nichts, aber auch gar nichts dazu beigetragen, dass ich in der Schweiz geboren und mit dem Schweizer Pass versehen wurde. Es war einfach Glück. Ich bin dankbar dafür, und ich bin glücklich darüber, denn ich liebe meine Heimat und ich schätze die Sicherheit und den Wohlstand. Die Schweiz ist ein schönes und vielseitiges Land, wir haben 4 Sprachregionen, wir haben Seen und Berge, grüne Hügel und Gletscher. Ich wohne gerne hier, ich möchte nicht auswandern. Aber klar: Unser politisches System ist nicht perfekt, und die Angstmacherei gewisser politischer Lager macht mir manchmal Sorgen. Fremdenfeindlichkeit und Engstirnigkeit habe ich leider schon oft angetroffen hier, aber ich finde, es hilft wenig, wenn ich deshalb sage, dass ich in einem schlechten Land lebe. Es hilft mehr, wenn ich Toleranz vorlebe, wenn ich meine Anliegen unter die Menschen bringe, was auch bedeutet, mit Menschen zu reden, die eine ganz andere Ansicht vertreten als ich. Ich verhandle nicht mit Nazis, nur damit das klar ist, aber ich rede berufsbedingt auch mit konservativen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Ich spreche mit Kindern und Jugendlichen über Rassismus und Vorurteile, was meiner Meinung nach wichtiger ist, als intellektuelle Wortgefechte, demütige Selbstkasteiung ob den Schwächen unseres Landes oder platte Beschimpfung von konservativen Kreisen. Ich gehe abstimmen, und versuche so, mein Land in die Richtung zu bewegen, die ich für richtig halte.

Nein, ich bin nicht stolz darauf, Schweizerin zu sein, weshalb auch, ich hab dafür ja nix geleistet. Aber ich bin dankbar, in der Schweiz leben zu können, und ich werde heute, an unserem Nationalfeiertag, einen Zuckerstock abfeuern, und das, obwohl ich gerade in Italien bin. Weil ich einige Traditionen mag, weil ich gerne Schweizerin bin, weil man die Feste feiern soll, wie sie fallen.

So. Und jetzt entschuldigt, wir suchen uns nun ein gemütliches Ristorante und essen Pizza, als gäbe es kein Morgen.

Nachtrag: Zuckerstock, am Strand von Alassio:

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5 Kommentare

  • Antworten
    Katharina B.
    1. August 2014 bei 22:20

    Darauf lasse ich einen herzhaften Schwizerchracher los:
    miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii-BUUUUMMM!

  • Antworten
    Frau Nessy
    3. August 2014 bei 11:58

    Je älter ich werde, desto mehr fühle ich europäisch und desto weniger deutsch – die Nationalität, die in meinem Pass steht. Mir geht es wie Dir: Ich finde mein Land gut und freue mich, darin zu leben. Aber der Unterschied zwischen einem Nord- und einem Süddeutschen ist bisweilen größer als zwischen einem Norddeutschen und einem Dänen oder einem Süddeutschen und einem Schweizer oder Österreicher. Insofern halte ich Grenzen nur für theoretische Konstrukte, die dem Menschen irgendwie ein Zugehörigkeitsgefühl geben. Was ja auch wichtig ist.

    • Antworten
      Änni
      3. August 2014 bei 13:46

      Die Schweiz(erInnen) und Europa… 🙂 das ist ein Thema, das einen ganzen Artikel füllen würde. Aber ja, du hast recht, die Süddeutschen und die Österreicher sind den Deutschschweizern in der Tat ähnlich, nicht nur sprachlich, auch kulturell und von der Mentalität her. Allerdings ist die Schweiz ja nicht einfach die Deutschschweiz, die Romands und die Ticinesi sowie die paar romanischen Bündner gehören auch mit dazu. Als ich in Kanada auf einen Haufen Asiaten stiess, fragten die mehrmals irritiert, ob das denn Sinn mache, ein so kleines Land bestehend aus drei (vier) kulturellen und sprachlichen Regionen – und ob wor nicht Angst hätten, von Frankreich, Deutschland und Italien erobert zu werden. Für mich ist das Konstrukt unseres Staates durchaus wichtig, im Sinne von, wie du schreibst, Zugehörigkeit und Identität. Auch ich und mein Land ghören zu Europa (eine recht lustige Aussage, schon klar, aber man könnte manchmal meinen, das sei nicht wirklich so offensichtlich, wenn man die Parolen der SVP kennt), und dennoch fühle ich mich klar als Schweizerin. Mag sein, bzw. es ist offensichtlich, dass die Grundzüge des helvetischen Seperatismus, dieses Beharren auf Eigenheit, diese Ablehnung, sich einem anderen Konstrukt unter zu ordnen, auf mich abgefärbt haben, ganz automatisch, im Zuge meiner Sozialisation. Das bedeutet nicht, dass ich, wie andere, das Gefühl habe, wir sollten uns abschotten gegenüber der bösen EU, schon nur aus wirtschaftlichen Gründen ist es unabdingbar, dass wir mitmachen, damit wir mitentscheiden können, damit wir unseren Beitrag zum europäischen Frieden leisten können. Aber ich finde, wir haben als Kleinstaat durchaus auch eine Identität, einen Haufen Traditionen, ein ganz eigenes politisches System, eine kulturelle Vielfältigkeit, die es lohnen, bewahrt zu werden.

  • Antworten
    B.Baxter
    30. August 2014 bei 20:37

    Liebes Aenni, ist alles in Ordnung? Es ist so still bei Ihnen.

    • Antworten
      Änni
      30. August 2014 bei 20:50

      Ja, liebe B. Baxter, das Ding ist, dass einfach sehr viel läuft und ich in letzter Zeit hauptsächlich Texte verfasste, die ich leider nie im Leben veröffentlichen kann. Oder aber, die viel zu lange geraten, wie beispielsweise ein Bühnenstück.

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