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Änni in Schottland II: Die Isle of Mull

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Sobald wir einen Fuss auf diese Insel gesetzt hatten – oder zumindest einen Pneu -, erlagen wir dem Charme von Mull. Unser Mini Cooper dagegen erlag erst mal einem Schlagloch von der Grösse eines mittleren Schweizer Freibadbeckens, als mein Freund an einem der „passing places“ einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweichen wollte. Auf der Isle of Mull gibts nämlich nur ein paar wenige Meter einer „normalen“, zweispurigen Strasse, danach gibts nur noch die „single roads“, einspurig also, knapp so breit wie unser Mini, kreuzen oder überholen ist somit grundsätzlich unmöglich – dafür wurden die „passing places“, Ausweichstellen geschaffen, die je nach Strasse so ca. Alle hundert Meter daher kommen. Ein durchdachtes Sysem, eigentlich, wäre da nicht die Tatsache, dass die Strassen im Allgemeinen und die Passing Places im Besonderen in einem – für Schweizer Augen – herzzerreissenden Zustand sind. Der Belag bröckelt traurig vor sich hin, verfehlt man um einige Zentimeter den Rand oder übersieht eines der unzähligen  Schlaglöcher, kippt die Karre um etwa 20 Zentimeter runter – hab ich den sagenhaft tiefen Boden des Minis schon erwähnt?…. Ein Nebeneffekt der passing places: Der zugehörige Isle-of-Mull-Signature-Move: Ein kurzes Heben und Strecken der linken Hand, als Gruss für jeden zu kreuzenden Automobilisten.

Die Wettergöttin war uns wohlgesonnen, so dass nicht nur am Nachmittag, als wir nach vielen, vielen Schlaglöchern, jeder Menge Schafen, die hier frei herumspazieren und knappen Ausweichmanövern irgendwann unsere malerische Unterkunft, ein ehemaliges Schulhaus und nun ein wunderhübsches B&B erreichten, die Sonne über einem wolkenlosen Himmel strahlten, sondern auch an den beiden folgenden Tagen. „Was wollt ihr denn unternehmen?“, fragte uns Katja, die Gastgeberin, als wir am nächsten Morgen beim üppigen, vegetarischen (tatsächlich!!) und hochgradig biologischen Frühstück sassen. „Naja, vielleicht auf die Isle of Iona?“, meinte ich, wohlwissend, dass sich diese kleine Insel im südwestlichen Zipfel von Mull befindet und somit nicht gerade um die Ecke gelegen war. „Toll! Macht das!“, Katja zeigte uns auf einer riesigen Karte von Mull genau, wo wir durchfahren sollten, „an einem Tag wie diesem ist es dort wie in der Karibik!“ Wir lachten, doch Katja sollte recht behalten.

Auf dem Weg nach Fionnphort, dem Hafen, von dem aus eine kleine Fähre nach Iona übersetzt, lernten wir die altersschwache und vom Leben übel gezeichnete ältere Schwester der „single road“ kennen: Die „weak road“. Nomen est omen, diese Schottersträsschen sind mehr als nur schwach, sie sind verlebt, zerfressen, kaputt. Dass man hier als Tourist die erlaubte Geschwindigkeit nicht für bare Münze nehmen sollte, war schon nach wenigen Metern klar. Im Schneckentempo kurvte mein Freund unser wirklich komplett praktisches Gefährt quer über die Insel, durch fast zugewachsene, mystisch anmutenden Strässchen, über die sanft braunen, herbstlichen Hügel, immer wieder wichen wir auf die passing places aus, um es Einheimischen (z.B. Dem Postauto, dem Schulbus, dem Polizeiauto) zu ermöglichen, uns zu überholen. David, der Mann von Katja, hatte herzlich darüber gelacht, als wir ihm am Vortag erzählt hatten, dass wir gerne ein gut sichtbares Schild mit „Tourist“ an unserem Mini anbringen möchten, um den EInheimischen klar zu machen, dass wir weder die single roads, die weak roads noch die passing places gewohnt waren – und dass zudem sowohl Linksverkehr wie auch britische Mietautos eine Herausforderung für uns waren. „Das ist nicht nötig“, grinste er, „sobald wir ein brandneuen, teuren Wagen sehen, ist sowieso klar, wer da am Steuer sitzt.“

Über 4 Stunden waren wir unterwegs, bis wir in Fionnphort ankamen. Auf die Isle of Iona setzten wir zu Fuss über, wie alle, die nicht dort übernachten wollten. Was uns dann am nordöstlichen und nördlichen Ende der kleinen Insel erwartete, verschlug uns quasi den Atem. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie solche Strände gesehen – ausser vielleicht die Playa Conchal in Costa Rica, aber im Vergleich dazu waren die Strände auf Iona so gut wie menschenleer. Im Norden war es zudem so gut wie windstill, was dazu führte, dass es gefühlt um die 25 Grad war war (und meinem Freund tatsächlich einen leichten Sonnenbrand bescherte – im September (!) in Schottland (!!!). Im Top und barfuss erkundete ich die Küste, hinter jedem kleinen Strand, von dem ich innerlich beschloss, das sei jetzt definitiv der schönste der Insel gewesen, lag einer, der irgendwie NOCH schöner war.

Es war gegen 22 Uhr, als wir wieder in unserer Unterkunft ankamen. Unterwegs hatten wir festgestellt, dass die eingeschränkte Infrastruktur so ihre Tücken hat. Nicht nur ist die Insel dünn besiedelt, nein, es gibt auch wirklich wenige Restaurants. Wir waren schliesslich in Tobermory, der „Hauptstadt“ von Mull gestrandet, wo wir uns aufgrund der schottischen Eigenart, Restaurants um 21 Uhr bereits schliessen zu lassen, in einem schmudeligen Pub mit solide angetrunkenen und entsprechend kontaktfreudigen Schotten unsere tägliche Portion Kartoffeln genehmigten (ja, bisher habe ich an jedem Tag mindestens einmal Kartoffeln gegessen).

Am nächsten Morgen hingen wir beide etwas in den Seilen. Schliesslich unternahmen wir auf Katjas Tipps hin eine kurze „Wanderung“ zu einem einsamen, schönen Sandstrand in der Nähe. Dabei stellten wir folgendes fest: Markierungen oder gar Wanderwegweiser sind den Schotten offenbar komplett fremd, so dass sich immer wieder die Frage stellte: Ist das nun ein Weg, oder sind das bloss ein paar von herumstreunenden Schafen abgeknickte Grashalme?… nachdem wir uns nur zweimal komplett verirrt – und enge Bekanntschaft mit allerlei Dornensträuchern, Farnen und moorigen Sumpflandschaften gemacht – hatten, standen wir schliesslich am Strand. Alleine. Mein Freund bastelte sich aus dem Rucksack ein Kopfkissen und gönnte sich ein Nickerchen, während ich den Strand (mit integriertem „Bach-Delta“) erkundete. Als wir uns schliesslich Stunden später wieder auf den Rückweg machten, kamen uns zahlreiche Touristen gehobenen Alters entgegen. Offenbar hatten wir die Wander-Rushour hier auf Mull elegant umgangen.

Angesichts der wenigen Restaurants auf der Insel hatten wir echtes Glück, dass ein ausgezeichnetes Lokal (das „Am Birlinn“)  gleich bei unserer Unterkunft um die Ecke lag. Wir investierten ein kleines Vermögen in unfassbar leckeren Seafood, kreative Kartoffelgerichte (auch hier: jeden Tag Kartoffeln, wie ich sagte) und absolut gigantische Desserts. Im Laufe unserer Reise sollten wir alle besuchten Restaurants anhand der „Am-Birlinn-Skala“ bewerten, wobei eine 10 dem Standard dieses Lokals entspricht – und ganz ehrlich, eine 10 erreichte kaum je ein anderes Lokal.

Wir waren ein bisschen traurig, als wir am nächsten Morgen schliesslich Abschied von Katja nahmen. Ihre Gastfreundschaft, ihr leckeres Frühstück und ihre ganzen Tipps hatten unseren Aufenthalt enorm bereichert. In Tobermory deckten wir uns in einem kleinen Bio-Laden mit Lebensmitteln ein (an dieser Stelle möchte ich erwähnen: Die meisten Lokale, Läden und Unterkünfte auf Mull scheinen grossen Wert auf lokale Produkte und Bio-Labels zu legen – eine weitere sympathische Eigenschaft).

Schon richtig routiniert setzten wir mit der Fähre nach Kilchoan auf dem Festland über – es sollte bei weitem nicht die letzte Fähre sein, die unser kleiner Mini von innen sah. Schon ein paar Stunden später manövrierte ihn mein Freund nämlich bereits auf die nächste: Vom betriebigen Mallaig aus steuerten wir Armadale auf der Isle of Skye an. Bye, Mull, du fehlst uns jetzt schon!

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Nach Sonnenuntergang über dem Calgary Beach.

 

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So harmlos das Schild, so kaputt die Strasse.

 

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Die Westküste von Mull an einem herrlich sonnigen Tag.

 

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In meinem nächsten Leben möchte ich bitte entweder als Kuh oder als Schaf auf der Isle of Mull reinkarniert werden.

 

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Die Isle of Iona beherbergt ein grosses, bewohntes Kloster und gilt als „heilige“ Insel mit jeder Menge Geschichte.

 

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Die Strände auf der nordöstlichen und nördlichen Küste von Iona sind schlicht atemberaubend.

 

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Der Hafen von Tobermory.

 

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Lauschiges Plätzchen im Garten der Unterkunft auf Mull.

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Das Ziel unserer Mini-Wanderung.

 

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