Hobbies/ Schreiben/ Sozialisation/ Wurzeln

„Ä Löu, ä blöde Siech, ä Glünggi un ä Sürmu“ – Berndeutsch für Anfänger I.

Nein, ich greife nicht schon wieder irgendeinen unliebsamen Zeitgenossen persönlich an, und, für alle Helvetier, die das Zitat im Titel problemlos dem Song von Mani Matter zuordnen können: Nein, ich vergewaltige nicht schon wieder irgendein Versmass, ich werde auch nicht singen (nicht weinen!), sondern reiche nur nach, was hier schon längst überfällig ist: eine neue Episode von Änni erklärts, volksnahe Wissenschaft für du und du, und zwar zum Thema „Berndeutsch für Anfänger.“

Wer sich mit Schweizer Dialekten nicht besonders auskennt, dem sei erklärt: Berndeutsch, also der Schweizer Dialekt, der im hauptstädtischen Kanton Bern gesprochen wird, ist quasi der ungeschliffene Rohdiamant unter den Schweizer Dialekten. Ungeschliffen, weil von Nicht-Bernern häufig als extrem grob oder gar unflätig empfunden, Diamant, weil, nun ja, halt der schönste, beste und klingendste (ich bin da total objektiv). Berndeutsch ist urchig, nicht annähernd so glatt und geölt wie beispielsweise Züridütsch oder Baaslerdütsch, Berndeutsch wird breit ausgesprochen, oh ja!, breit wie der Hintern eines Haflingers, Berndeutsch ist lautmalerisch, Berndeutsch ist rau. Es besteht aus vielen Chchch und Kkkk, und zwar wird das nicht vornehm im vorderen Mundraum als sanftes Schsch und gggggh ausgesprochen, sondern brachial, weit weit hinten im Rachen, so, dass es Deutschen oft schon vom Zuhören schmerzt; Nicht umsonst sprechen böse Zungen von Berndeutsch als einer „Halskrankheit“. Da mir das phonetische Alphabet nicht geläufig ist, kann ich keine exakteren Angaben zur Aussprache machen, wens interessiert, gucke hier, doch genug der Theorie, kommen wir zur Praxis, und was ist in der Praxis wichtiger als elementare Grundkenntnisse von Fluch- und Schimpfwörtern?!

Die Schimpfwörter
Es folgt, um beim Titel zu bleiben, die „Übersetzung“ von vier wichtigen berndeutschen Ausdrücken: „Löu“, „blöde Siech“, „Glünggi“ und „Sürmu“, inklusive ethymologischen Hinweisen.

„Ä Löu“, auch „Löli“: Ein Depp, mit dem -li auch mit verniedlichender oder abschwächender Konnotation. Die Berner und Bernerinnen sind ein (meist) humorvolles Völkchen, das gerne stichelt, sich gerne über andere lustig macht, ohne das aber wirklich ernst zu meinen. Wenn ich von einem „Löli“ spreche, dann ist das meist irgendjemand, den ich eigentlich sehr gut mag. „Löu“, ohne das -li, ist schon ernsthafter, wird häufig eingesetzt, um sich über jemanden zu beschweren, den man für unfähig oder ungeschickt hält. Woher das Wort stammt, weiss ich leider nicht, aber ich finde, es klingt nett, ist kurz und prägnant.

„Ä blöde Siech“: Ein Idiot, in dem Zusammenhang ist „Siech“ abwertend gemeint; Siech kann je nach Kontext aber auch mit dem hochdeutschen Modewort „Alter“ übersetzt werden und ist im Kanton Bern ein häufiger Ausdruck, oft nicht halb so grob gemeint, wie die feinen Zürcher, Aargauer oder Basler das interpetieren. Häufige Wendungen sind beispielsweise „du Siech!!“, bedeutet so viel wie „ey, Alter!“, oder aber „dasch ja ä geile Siech“ „das ist ja ein krasser Typ“ (je nach Kontext gerne auch ironisch gemeint). „Dumme Siech“ kann man dagegen getrost mit „Arschloch“ übersetzen, wohingegen „du Sibesiech!“ soviel wie „du ultrakrasser Draufgänger“ bedeutet, mit bewunderndem Unterton (Sibe= sieben, also quasi ein „Tausendsassa“). „Weni dää Siech verwütsche!!!“ heisst dagegen so viel wie „wenn ich diesen Blödmann erwische, dann…“, eine wenig subtile Drohung. „Ä coole Siech“ ist dagegen wieder eher als Kompliment gedacht.
„Siech“ stammt übrigens aus dem Mittelalter und heisst wörtlich soviel wie „Aussätziger“, „Leprakranker“.
Ich persönlich benutze das Wort immer wieder gerne, was aber gerade im Aargau eher auf Irritation stösst (so grob, so unpädagogisch etc.)

„Ä Glünggi“ heisst soviel wie „ein (männliches) Dummerchen“ oder „Depp“, jemand, der doch ziemlich beschränkt/naiv ist oder handelt; Wird allerdings vor allem scherzhaft verwendet, so zum Beispiel „dä Glünggi het nid viu überleit!“ , „dieser Depp hat sich ja nicht viel überlegt dabei!“, wobei „Depp“ hier, wie oft im Berndeutschen, als „nette Stichelei“ zu interpretieren ist, und keinesfalls als grobe Beleidigung. „Glünggi“ verwende ich oft, wenn ich scherzhaft (ja!) von meinen Brüdern, meinem Vater oder meinem Freund erzähle, „Glünggi“ ist für mich ein wirklich klangschönes Wort, das so schön nach dem lautmalerischen „Glungge“ (Pfütze) tönt – ob der Begriff wirklich daher stammt, weiss ich nicht, aber ich finde den Zusammenhang plausibel.

„Sürmu“ dagegen bezeichnet einen „(jungen) männlichen Tunichtgut“, einen (meist jungen) Kerl, der die Regeln grosszügig auslegt, der frech oder ungehorsam ist, der hinter dem Rücken einer Aufsichtsperson allerlei Dummheiten anstellt (auf Berndeutsch: „Seich macht“, heisst wörtlich „Urin produziert“). Wenn ich von den Teenies bei der Arbeit spreche, sage ich schon manchmal „die Sürmle hei wider nume Seich gmacht!“, „die ungehorsamen Halbstarken haben mal wieder nur Blödsinn angestellt“; allerdings auch dies nur ausserhalb des Aargaus, da mir sonst wieder grobe Sprache unterstellt wird… „Sürmle“ ist übrigens nicht nur der Plural von „Sürmu“, sondern auch ein Verb, bedeutet so viel wie „rummotzen“, „Blödsinn erzählen“ oder auch „frech wiedersprechen“, (ähnlich dem „stürme“, „(unnötig) diskutieren, labern, wiedersprechen“); selten bedeutet „sürmle“ auch „Dummheiten anstellen“. Ich finde, „Sürmu“ klingt wie das mühsame Geräusch, das Halbstarke von sich geben, wenn sie wegen irgendwas maulen.

Damit, liebe Freunde der Volksmusik, sind wir am Ende des Zitats angelangt, und zwar mit gerade mal 4 Kraftausdrücken. Tja, Berndeutsch ist eine komplexe Sprache, und, wie aufgezeigt, liegen zwischen einer feinen Stichelei und einer groben Beleidigung oft nur kleine Nuancen.

Jedoch: verzweifelt nicht, diese Reihe werde ich fortführen, und in der nächsten Lektion lernen wir dann den korrekten Einsatz von Wörtern wie „Gigu“ (Schafshode) oder „Blöffsack“ (angeberische Hode), versprochen!

Mit einem Zaubestab bewaffnet, latent sarkastisch, chronisch verpeilt und nur dezent grössenwahnsinnig.

Möglicherweise interessiert dich auch:

5 Kommentare

  • Antworten
    jpr
    23. Februar 2014 bei 10:08

    Ich persoenlich finde ja, dass man Berndeutsches nur sehr muehsam fuer grob halten kann, wenn man es denn gesprochen hoert. Viel runder und daherfliessender geht es eigentlich kaum – da sind die Zuercher viel eher im Vorteil, sollte es darum gehen mal fies zu klingen.

    • Antworten
      Änni
      23. Februar 2014 bei 20:44

      Eine Polin hat mir mal gesagt, für sie klinge Berndeutsch wie gurgelndes Wasser, durchaus weich und melodiös. Meine ganzen defensiven Bemerkungen zu der angeblichen Grobheit bezogen sich eher auf die Wahrnehmung von anderen (urbaner lebenderen) Schweizern, für die selbst ein simples „hockit doch ab“ (setzen Sie sich doch) oder ein „i bi gsi ga seckle“ (ich war laufen) unerhört klingt; „hocke“ klinge primitiv, und „seckle“ weckt offenbar Assoziationen zu „Sack“, womit wir wieder bei den Genitalien wären.

  • Antworten
    umienne
    24. Februar 2014 bei 19:17

    Die Berner sind sympathischerweise den Appenzellern recht nah- zumindest beim Schimpfwörtergebrauch! Persönlich finde ich Berndeutsch einen recht schönen Dialekt, ich hab ja mit Thurgauern, Aargauern oder Innerschweizern eher meine Probleme.

    • Antworten
      Änni
      25. Februar 2014 bei 20:46

      Appenzellerdeutsch kenne ich ja nicht wirklich, aber ich stelle mir diesen Dialekt auch ganz schön urchig vor – ich persönlich mag Wallisserdeutsch ganz gerne, obwohl ich da nur so jedes 5. Wort verstehe, und die Bündner reden auch ganz lustig; Mit St. Gallerdeutsch habe ich echte Probleme, ebenso mit (Stadt-) Baslerdeutsch; Obwohl ich Basel als Stadt wirklich mag, aber sobald die BewohnerInnen den Mund aufmachen… also nee. Geschmäcker sind ja aber zum Glück verschieden! 🙂

  • Antworten
    Gerry Nenniger
    7. Juni 2016 bei 07:18

    ig finds so Gigugeil wie du da schriebsch!

    Gerry Nenniger

  • Hinterlasse einen Kommentar