Lebenslage

„… aber die Frau Ä hat gesagt!!“

Klingt jetzt vielleicht irgendwie plump, banal oder selbsterklärend, aber ich will, bevor ich aushole bis zum 2. Punischen Krieg, doch etwas wirklich mal klarstellen: Ich mag Kinder. Meistens. Nicht alle gleich stark, und nicht in jedem Fall jedes einzelne Kind in jeder einzelnen Situation, aber so im Allgemeinen, finde ich, doch, ich mag Kinder ganz gerne. Selbsterklärend finde ich das übrigens nicht, denn der Schluss „Person X arbeitet mit Kindern, ergo muss Person X Kinder mögen“ ist, glaubt mir, zu simpel. Ich will jetzt meine Berufsgruppe nicht noch schlechter machen als bis anhin, aber: Mir sind tatsächlich schon Menschen untergekommen, welche seit Jahren mit Kindern arbeiten, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, dass sie Kinder grundsätzlich nicht mögen. Ja, das gibt’s. So wie es PsychologInnen gibt, die keine Menschen mögen, wie es Charcuterie-VerkäuferInnen gibt, die kein Fleisch mögen, wie es WerbetexterInnen gibt, die keine Werbung mögen. Jedenfalls, ich habe schon mit sehr vielen verschiedenen Kiddies gearbeitet, und die meisten davon habe ich gemocht. Ich denke, so weit ich das einschätzen kann, die meisten haben auch mich gemocht, mal mehr, mal weniger, je nach „nein, du darfst heute Abend nicht fernsehen, solange du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast!“. Wie auch immer: Was mir, als Nicht-Mutter, auch nach Jahren Kinderbetreuung nicht recht in den Kopf will, ist folgendes:

Glauben eigentlich alle Eltern alles, was ihnen ihre Sprösslinge erzählen, 1:1?

Bevor ihr mich steinigt: Natürlich ist es wichtig, sein Kind ernst zu nehmen. Sogar mir als Betreuerin ist es wichtig, die Kinder, mit denen ich arbeite, ernst zu nehmen, Ehrenwort! Und: Ich unterstelle Kindern in der Regel nicht, dass sie bewusst lügen. Vielmehr habe ich oft das Gefühl, dass Kinder halt gerne eine Situation zu ihren Gunsten biegen. Machen Erwachsene auch, nur oft etwas subtiler / perfider. Worauf ich hinaus will: Wenn ich alles, was die Kiddies mir je unterstellt haben, auch wirklich gesagt oder getan hätte, dann, meine Damen und Herrn, holla die Waldfee. Unzählige Gemeinheiten wären darunter, unzählige Schimpfwörter, unzählige Freipässe für pädagogisch ganz und gar fragwürdige Aktivitäten.

Wenn ich jedesmal, wenn ich ein Kind sagen hörte „… aber die Frau Liebundnett hat gesagt, ich darf das machen!!“ ein 5-Rappen-Stück verdient hätte, glaubt mir, ich würde nicht mehr in einer schlecht isolierten Wohnung mit einem Schimmelpilz als Waschmaschine wohnen. Auch Äusserungen wie „aber meine Mama hat gesagt, das darf ich nicht machen/essen/anziehen/…!“ oder, wenn einem ungeliebten anderen Kind etwas erlaubt wird „aber die Frau Wichtig hat gesagt, das ist verboten!!“ sind der Dauerknüller in meinem Job. Liebe Eltern: Man kann auch einfach mal nachfragen. Ich kann, in meiner Rolle, die Frau Liebundnett fragen, ob das Kind von ihr wirklich die Erlaubnis erhalten hat, die Wand anzumalen. (Wenn, und das geschieht, die Frau Liebundnett das bestätigt, fein, dann soll sie doch die Verantwortung dafür tragen… äh, hust.) Ich kann auch mal gemeinsam mit einem Kind die Mama anrufen, auf Lautsprecher stellen und fragen, ob sie ihrem Kind wirklich verboten hat, im Winter eine Mütze zu tragen. Ich kann mich mit der Frau Wichtig austauschen und schauen, ob ich zu lasch entscheide, ob ich Regeln vergesse oder eine Weisung nicht kenne. Es ist mir aber wirklich ein Anliegen, dass andere bzw. Eltern das auch mit mir machen. Wenn ein Kind seltsame Dinge erzählt, welche in der Schule oder der Wohngruppe geschehen würden, dann muss man dem sicher nachgehen. Am besten, indem man anruft und nachfragt. Aber, und das ist mein Punkt, es gibt auch Missverständnisse, und es gibt Geschichten wie mit der bemalten Wand und dem Mützen-Verbot. Kinder machen das nicht aus Boshaftigkeit, sondern manchmal, wenn sie etwas nicht so verstanden haben, wie es die betreffende Person gemeint hat, meist jedoch einfach, weil sie etwas für sie unangenehmes vermeiden oder etwas für sie wünschenswertes unbedingt durchsetzen wollen. Wenn klar wird, dass die verschiedenen Erwachsenen miteinander reden, lösen sich solche Manöver meist bald in Luft auf.

In dem Sinne: Nehmt eure Kinder ernst, aber legt nicht jedes ihrer Worte auf die Goldwaage. Ich habe fertig.

Frau Ä sagt viel.

Frau Ä sagt viel.

Möglicherweise interessiert dich auch:

Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar